Das Argument – Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften

Das Argument im 45. Jahrgang:
Neue Aufmachung - neue Anstrengung


Zum Auftakt ihres fünfundvierzigsten Jahrgangs präsentiert sich diese Zeitschrift in neuem Gewand, das wir Martin Grundmann verdanken. Mit dieser Veränderung im Erscheinungsbild sind einige gute Nachrichten mit einer schlechten verbunden. Die schlechte vorweg: Die Höhe haben wir um einen knappen Zentimeter verringert und sind damit aufs Format der meisten Zeitschriften (etwa Forum Kritische Psychologie, Peripherie, ProKla, Widerspruch, Z, Zeitschrift für kritische Theorie) eingeschwenkt. Wir tun das nicht, weil es uns besser gefiele. Aber das Ende der unflexiblen Massenproduktion des Fordismus hat die Papierproduktion nicht erreicht, jedenfalls besteuert der Markt gnadenlos jene Abweichung vom »Normalformat«, mit der wir 1966 (Arg. 36, 8. Jg., H. 1) mit demonstrativer Chuzpe das Erbe der Zeitschrift für Sozialforschung angetreten haben (deren Rezensionsteil bis heute das – auf Grund der historischen Umstände uneinholbare – Vorbild des unsrigen abgibt).

Nun zu den guten Nachrichten: Die durch die Verringerung des Satzspiegels wegfallenden Zeilen machen wir durch zwei zusätzliche Druckbögen pro Jahr wett, so dass der Jahrgang statt bisher 960 künftig 992 Seiten umfassen wird. Zudem statten wir die Hefte mit besserem (säurefreiem) Papier und einem stärkeren Umschlag mit Zweifarbdruck aus. Die vierte Umschlagseite nutzen wir für detailliertere Einblicke in den Inhalt. Zugleich haben wir eine Reihe bibliographischer und typographischer Konventionen denen des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus angenähert und kohärenter gestaltet.

Sprechen wir vom Geld, einem besonderen Thema bei einer kritisch-theoretischen Zeitschrift, die eine Schrift ihrer Zeit sein und zugleich gegen den Zeitgeist angehen muss, die sich der Herrschaft des Finanzkapitals widersetzt, doch sich und ihr Kapital finanziell reproduzieren muss, für die zwar »die Welt keine Ware« ist, die sich aber selbst als Ware zu realisieren hat. Da der Verlag bei der Euro-Umstellung, als ihm das Wasser bis zum Halse stand, den Abonnementspreis zu Beginn des vergangenen Jahres bereits um fast zehn Prozent erhöht hat, bleibt dieser Preis unverändert. Dagegen wird das Einzelheft um 80 Cent bzw. 1 Euro teurer. Der Vorteil, den das Abonnement bietet, wächst dadurch quasi auf ein Freiheft pro Jahr, und das ist nur gerecht, denn die Abonnenten bilden das Rückgrat der Zeitschrift und Abonnentenwerbung ist, neben den momentan das Überleben sichernden Geldspenden, die langfristig sinnvollste und wirksamste Unterstützung, die ihr zuteil werden kann.

Die Herausgeber verbinden mit der Neugestaltung das doppelte Versprechen, die Zeitschrift bis zum Abschluss des 50. Jahrgangs weiterzuführen und die Qualitätsstandards weiter zu erhöhen. Im Papierformat mögen die Hefte schrumpfen, aber an inhaltlichem Format sollen sie zunehmen. Dies gilt nicht zuletzt für den Rezensionsteil. Das heißt aber nicht, dass den Jüngeren der Zugang erschwert würde. Seit ihren Anfängen hat diese Zeitschrift ihren Ehrgeiz darein gesetzt, mit Nachwuchsautoren zu arbeiten. Sie hat immer neuen Jahrgängen junger Intellektueller »über die Schwelle« zur Publikation geholfen. Oft bildete die »kleine Form« der Rezension oder Annotation den Einstieg. Weit über tausend junge Intellektuelle sind hier mit ihren ersten Veröffentlichungen hervorgetreten. Und seit den ersten Anfängen bis heute befinden sie sich dabei in Gesellschaft der international besten kritischen Theoretiker der älteren Generationen, wie überhaupt die Verbindung von Erneuerung und Kontinuität ein Grundprinzip unserer Arbeit ist.

In diesem Sinne erneuern wir unsere Einladung zur Mitarbeit. Sie ergeht an die jungen Intellektuellen, denen es im Horizont der Proteste gegen die Kriegspolitik der USA und der weltweiten globalisierungskritischen Bewegung um eine theoretisch vertiefte kritische Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse und ihrer Reproduktion geht. Sie ergeht nicht zuletzt an diejenigen unter den ungezählten ehemaligen Mitarbeitern, die das Handtuch nicht geworfen und weder resigniert noch ihren Frieden mit den Verhältnissen gemacht haben.

Zuletzt haben wir anlässlich ihres 40jährigen Bestehens den Kurs dieser Zeitschrift auf den Begriff gebracht. Davon ist jede Silbe aktuell (vgl. »Stirb und werde – 40 Jahre ARGUMENT«, Arg. 230/1999). Verändert hat sich das Umfeld und damit die Bedeutung des in diesem Umfeld gehaltenen Kurses. Am Schluss jenes Programmartikels geht es um die zunehmende Isolation, die den Eindruck erwecken kann, die Zeitschrift sei »wie eine Insel« stehen geblieben, wo einmal ein ausgedehntes Hinterland kritischer Intelligenz inmitten sozialer Bewegungen bestanden hatte. Noch immer gilt das trotzige chinesische Sprichwort, das Oskar Negt sich aufs Panier geschrieben hat, auch für uns: »Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.« Es wird einem nichts geschenkt auf diesem Weg. Doch am Ende des 20. Jahrhunderts ist eine neue und neuartige soziale Bewegung aufgetaucht, die globalisierungskritische Bewegung (»Die neue ›Aurora‹«, Arg. 234/2000, 6), die sich seitdem zur »Bewegung der Bewegungen« für eine Globalisierung von unten entwickelt und von Mal zu Mal an Schwung gewonnen hat, bis sich angesichts amerikanischer Kriegspolitik eine fast beispiellose weltweite Friedensbewegung an ihr auskristallisiert hat, vorbereitet zuletzt durch die Demonstration beim Europäischen Sozialforum in Florenz.

In der weiter oben erwähnten Nr. 36 dieser Zeitschrift geht es um Die Amerikaner in Vietnam, während jetzt das Thema Die Amerikaner im Irak auf die Tagesordnung rückt. »Wo Ideen ohnmächtig sind«, heißt es im Editorial jenes Heftes von 1966, »entlädt sich das Leiden unter den Verhältnissen oft als Wut gegen das bloße Reden. ›Bei Diskussionen kommt eh nichts heraus‹, lautet die Formel, mit der die richtige Meinung resigniert. Es galt, die Argumentation vor den Folgen ihrer Ohnmacht zu retten. Wir mussten lernen, was jede Generation unter anderen Bedingungen lernen muss: auf lange Sicht zu arbeiten, jene lebensfähige Verbindung von Geduld und Ungeduld herzustellen, ohne die man über kurz oder lang doch resigniert. Wir mussten lernen, Einsichten aufzubewahren und mit anderen Einsichten zu verknüpfen, wenigstens die theoretische Beziehung zwischen den verschiedensten gesellschaftlichen und privaten Lebensbereichen herzustellen, wo die praktische versagt blieb. Wie von selbst ergab sich so die Form, die wir uns nach und nach zum Programm machten«.

Das Erscheinungsbild zu verändern, kann also nicht heißen, dass wir unsere Geschichte abschütteln, obgleich es angesichts der systemisch erzeugten Geschichtslosigkeit oft zum Verzweifeln schwierig sein kann, Jüngere dazu zu bringen, in diese Kontinuität (wie immer kritisch-erneuernd) einzutreten. »Wer sich zur Geschichte seiner Bewegung verhält wie jemand, der sich an nichts erinnert« (Lenin), neigt dazu, auf jede Losung zu fliegen und in jede Falle zu tappen. Dies zumal, wenn wie im Zeichen der US-Kriegspolitik Vernunft und Moral als machtlos erfahren werden.

In dieser Hinsicht lassen wir uns von der Maxime leiten, die Gramsci dem marxistischen Zeitschriftenwesen ins Stammbuch schrieb, nachdem er die intellektuellen Schaumschlägereien unterm Namen des »Lorianismus« aufs Korn genommen hatte: »Man muss nüchterne und geduldige Leute schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.« (Gefängnishefte, H. 1, §63, Bd. 1, 136) Doch ebenso, im Herzen disziplinierter Intellektualität, die dem »Drogendenken« widersteht und auf die ideologischen Palliative verzichten kann, brauchen wir die Ungeduld und den visionären Ausblick in jene »andere Welt«, um deren Möglichkeit es geht.



Zum Heft 249:

Um Determinanten einer Situation, die »womöglich einen Wendepunkt in der Weltgeschichte« bedingt und über der die Kriegspolitik der USA wie ein Verhängnis lastet, während die USA selbst zum Ort eines »rasanten Abbau der inneren Rechtssicherheit«2 geworden sind, geht es im ersten Teil. – Ausgehend von Gramscis Unterscheidung von Herrschaft und Führung stößt Wolfgang Fritz Haug auf das Ringen zweier imperialer Konzepte und untersucht, wie die durch die »Dyshegemonie« der USA entstandene Hegemoniekrise die Handlungsbedingungen der Linken verändert. – Stephen Gill zufolge beruht der »disziplinäre Neoliberalismus« der USA nicht mehr auf Hegemonie, die einen Konsens zwischen herrschenden und subalternen Kräften herzustellen versucht, sondern auf Strategien der Übermacht (supremacy), die unter Einsatz einer »panoptischen« Überwachung in Staatsapparaten und Privatwirtschaft eine auf Zwang beruhende Form von Herrschaft über eine atomisierte und fragmentierte Opposition anstreben. – Joachim Hirsch beleuchtet Stärken und Schwächen der in der »Bewegung der Bewegungen« einflussreichen Konzeption John Holloways, welche die strategische Absage der Zapatistas an die Perspektive einer »Machtergreifung« theoretisch verallgemeinert. – Georges Labica bringt in seiner kontroversen Rede über Staatsterror und Gegenterror einen Zorn zum Ausdruck, wie er angesichts der internationalen Gewaltverhältnisse, die im Nahostkonflikt wie von einem Brennglas gebündelt erscheinen, von großen Teilen der Weltbevölkerung empfunden wird. Wir werden versuchen, der Widersprüchlichkeit der Konfliktlage durch weitere Beiträge in den folgenden Heften gerecht zu werden.

Der zweite Heftschwerpunkt rückt die »Foucault-Industrie« auf den Prüfstand, die sich zu einer akademischen Großmacht entwickelt hat. Vor allem in den sogenannten Geistes- und Kulturwissenschaften besetzt und verwaltet sie, was sich zuvor als Ideologiekritik und kritische Gesellschaftstheorie verstand. Sie stellt die postmodernen Formen bereit, in denen Kritik auf dem Markt der Akademia ankommen kann und dabei um ihren Verstand gebracht wird. Dagegen beanspruchen die Beiträge dieses Heftes, Foucault sowie die ihn nacherzählende Sekundärliteratur kritisch zu lesen und im Übergang vom Fordismus zum neoliberal geprägten High-Tech-Kapitalismus zu verorten.

W.F. Haug, J. Rehmann, T. Reitz


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