Unter »Großer Erzählung« versteht Ton Veerkamp eine von der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder anerkannte Grunderzählung, in der sie ihre eigenen Lebenserzählungen miterzählt wissen, durch sie einen Platz in der Gesellschaft zugewiesen bekommen und so die gesellschaftliche Grundstruktur mit ihren Loyalitäten und Abhängigkeiten verinnerlichen. Jede große Volksreligion war und ist eine solche Große Erzählung. Die Grundtexte des Judentums, des Christentums und des Islam sind Texte aus alten, vormodernen Zeiten und fremden Kulturen. Sie sind nicht direkt zugänglich. Die Lektüre solcher Texte verlangt Kenntnis der alten Kulturen, der sozialökonomischen und politischen Gesellschaftsstrukturen, aus denen sie entstanden, sowie ein Verständnis der sprachlichen Eigenstruktur der Texte. Die politische Geschichte der Großen Erzählung vermittelt beides.
Im Zentrum der Volksreligionen Judentum, Christentum und Islam steht die »Große Erzählung Israels«. Kern dieser Erzählung ist die Tora, ein Gesellschaftsentwurf des antiken Judäa, mit Autonomie und Egalität als Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen und der ganzen Rechtsordnung. Sie wollte nicht eine andere Welt, erst recht keine andere Welt im Jenseits, sondern die gleiche Welt, aber völlig neu geordnet: die Welt anders. Das Judentum hat die Große Erzählung bewahrt, das Christentum und der Islam haben sie auf je verschiedene Weise angepasst und verfremdet. In diesem Buch geht es vor allem um die Entstehung des Christentums aus der Großen Erzählung Israels und um die Verwandlung, die die Erzählung im frühen Christentum erfuhr. Verständlich wird dieser Prozess aber nur dann, wenn die Erzählung als eine zumeist kritische und sehr zornige Auseinandersetzung mit den historischen Gesellschaftsordnungen gelesen wird, in denen sie sich artikulieren musste. Denn ihr egalitärer Gesellschaftsentwurf hebt sich radikal ab von den Gesellschaften in Ägypten, Mesopotamien und Syrien, die sich alle durch ein hohes Maß an Ungleichheit auszeichneten und diese Ungleichheit in ihren Kulturen widerspiegelten. Deswegen behandelt dieses Buch ausführlich die politische Ökonomie und die Ideologien vor allem des Hellenismus und des Römischen Reiches.
Die Erzählung von Autonomie und Egalität blieb auch im Christentum die Grunderzählung. Auch die Christen wollten die Welt anders. Aber sie sahen keine effektiven politischen Möglichkeiten, die Welt zu verändern. Das Christentum schuf seine Perspektive jenseits der Erde und jenseits der Zeit, und die Erde wurde zum Bewährungsraum für das Leben im Himmel. Das Christentum, das ursprünglich das Römische Reich ablehnte, wurde in der zweiten Periode des Reiches, dem sogenannten Kolonat, zur Zentralideologie der herrschenden Verhältnisse. Freilich hat das Christentum die Große Erzählung Israels, der Paulus und die Evangelien die Treue hielten, als Wesenselement seiner eigenen Großen Erzählung beibehalten, ja die Einheit beider Erzählungen oder »Testamente« in seinen Zentraldogmen festgeschrieben. Sein Projekt Die Welt anders wurde vertagt bis zum Ende aller Tage.
Ton Veerkamp
Geboren 1933 in Amsterdam, Studium der Philosophie in Nimwegen, der Theologie in Maastricht und New York. Langjähriger Studentenpfarrer für ausländische Studierende an Berliner Universitäten, Herausgeber der exegetischen Zeitschrift Texte und Kontexte, Autor von Die Vernichtung des Baal (1983), Autonomie und Egalität (1993), Der Gott der Liberalen (2005). Mitarbeit am Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, zahlreiche Artikel in in- und ausländischen Zeitschriften. Lebt als freier Publizist im Wendland.
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