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Oktober 2000
Aus: Das Argument - Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Heft 237 |
In das diesjährige Sommerloch fielen zwei Gedenktage deutscher Kulturgrößen von internationalem Format; Bachs 250. Todestag am 28. Juli und Nietzsches 100. Todestag am 25. August. Im Vorfeld zum Bachjubiläum lud mich die Musikjournalistin Birgit Kiupel zu einem Interview ein. Sie erinnerte sich, dass ich vor ca. 15 Jahren, passend zum damaligen 300. Geburtstag von Bach, zusammen mit Swantje Koch-Kanz eine wahrhaft erschöpfende Studie über Bachs Töchter erarbeitet hatte.1 Bach hatte nämlich mit seinen beiden Frauen Maria Barbara und Anna Magdalena Bach 20 Kinder, neun Töchter und elf Söhne. Von den vier Töchtern der Bachs, die die Kindheit überlebten, ist kaum mehr bekannt als das Geburts- und Todesdatum, während vier der sechs überlebenden Söhne Bachs bekanntlich achtbare Komponisten wurden, die stets als Beispiele für die Vererbung musikalischen Genies zitiert werden. Wir hatten uns gefragt, wie es Bach gelungen ist, sein Genie so zielgerichtet nur an die Söhne zu vererben. Und falls ihm das nicht gelungen ist was wurde dann aus dem Genie seiner Töchter? Unser Fazit: Wenn Johann Sebastian die Ausbildung bekommen hätte, die er seinen Töchtern zukommen ließ, wüßten wir heute auch von ihm nichts. Birgit Kiupel wollte nun wissen, was die Reaktion der Bachforschung auf unseren Artikel war. Meine Antwort: Mir ist keine Reaktion bekannt. Es ist, als hätte es ihn nie gegeben. Unserem Aufsatz über die Töchter Bachs ging es wie den Töchtern selbst: In Frauenkreisen ist er wohlbekannt, und so fristet er ein bescheidenes Dasein, überlebt im Stillen arm, aber reinlich, sozusagen. Für die Männer-Bachforschung hingegen scheint er vollkommen irrelevant, obwohl oder weil? er beunruhigende Fragen über Bach als Mensch, Vater und Ehemann aufwirft. Seine beispiellose Fahrlässigkeit kann auch nicht einfach mit dem damaligen »Zeitgeist« entschuldigt werden, denn sein Zeitgenosse Händel kümmerte sich sehr gewissenhaft um seine weiblichen Verwandten.2 Nun zu dem anderen Todesjubilar, Friedrich Nietzsche. Im letzten Augustdrittel überschlugen sich die dritten Radio-Programme mit Sendungen über Nietzsche und häppchenweisen Lesungen seiner Werke. Zwei Dinge waren allen Nietzsche-Betrachtungen gemeinsam: Sie stammten von Männern, und sie wiederholten die alte Häme über seine Schwester Elisabeth, die sein Werk bis zur Unkenntlichkeit entstellt habe und so verantwortlich sei für die unselige Verbindung zwischen Nazis und Nietzsche. Diese Unisono-Verteufelung Elisabeth Förster-Nietzsches aus Männermund kam mir schon vor 20 Jahren verdächtig vor, und für meinen Band »Schwestern berühmter Männer« bat ich den Nietzsche-Kenner Klaus Goch um einen Beitrag.3 Er recherchierte ihre Lebensgeschichte mit Empathie und resümiert, Elisabeth habe durch die Sammlung aller Lebenszeugnisse des Bruders die Grundlage für seinen Weltruhm erarbeitet. »Über alle Kritik an ihren Fälschungen und Verfälschungen hinweg müssen einige notwendige Fragen gestellt werden: welchen Weg wäre Elisabeth gegangen, wenn sie ihre Begabungen ... systematischer einsetzen und jene Bildungsinstitutionen hätte in Anspruch nehmen können, die dem Bruder selbstverständlich offenstanden?« Mit wachsendem Ärger verfolgte ich während des Zuhörens die immer gleiche unqualifizierte Verurteilung der »grässlichen« Schwester, des »Lamas«, wie Nietzsche sie nannte. So als hätte es den Artikel von Klaus Goch nie gegeben. Sogar Nietzsches Mutter, Franziska Nietzsche, die sich bis zur Erschöpfung um den an syphilitischer »Gehirnerweichung« zugrundegehenden Sohn gekümmert hatte, bis sie 1897 starb, bekam ihr Fett ab. Überhaupt wurde gern wiederholt, dass der arme Nietzsche, das junge Genie, in einem »reinen Frauenhaushalt« aufwuchs, mit Mutter, Schwester, Großmutter und zwei Tanten. Ist das nicht furchtbar? Vielleicht war es aber gerade dies Aufwachsen unter Frauen, das sein Genie förderte, wie es bei anderen »großen Männern« auch der Fall war, z.B. Kepler, Händel, Hölderlin, Schopenhauer, C.F. Meyer, Raabe, Churchill.4 Welche Schlüsse ziehen wir aus diesen Erlebnissen mit unserem deutschen Kulturbetrieb? Ich gestehe, ich bin enttäuscht und ernüchtert. Ich hätte nicht gedacht, dass diese beiden interessanten, innovativen Arbeiten zur bachschen und nietzscheschen Familiengeschichte so folgenlos bleiben würden. Aber es stimmt ja nicht sie waren ja gar nicht folgenlos. Von Frauen wurden sie sowohl wahrgenommen als auch nachgefragt, verbreitet und diskutiert. Birgit Kiupel sendete ihr Interview, Marie-Luise Blatter vom Basler Magazin brachte zum Gedenktag auf einer Doppelseite den Artikel über Bachs Töchter, woraufhin die Basler Frauenbeauftragte Ingrid Rusterholtz mir einen begeisterten Brief schrieb um nur einige Reaktionen zu nennen. Vielleicht liegt der Fehler überhaupt bei mir: Ich höre immer noch zu viele Sendungen von Männern über Männer. Ich sollte mir das andere Geschlecht zum Vorbild nehmen und seine Produktionen konsequent ignorieren: Das erspart jede Menge Ärger. Luise F. Pusch Anmerkungen |
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