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  Leseprobe
Historisch Kritisches Wörterbuchs des Marxismus
Band 3

Eule der Minerva

1. Hegel beschließt die Vorrede zu seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts von 1821 mit zwei aneinandergeschlossenen Bildern, deren Wirkung seitdem nicht nachgelassen hat: "Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug." (W 7, 28)

"Das Gleichnis ist prachtvoll, eines der ganz großen der Literatur, eines, das Shakespeares würdig wäre" (Bloch, Subjekt-Objekt, 231).

Was es besagen soll, spricht Hegel im Kontext nachdrücklich aus: Seine Abhandlung solle "nichts anderes sein als der Versuch, den Staat als ein in sich Vernünftiges zu begreifen und darzustellen. Als philosophische Schrift muss sie am entferntesten davon sein, einen Staat, wie er sein soll, konstruieren zu sollen; die Belehrung, die in ihr liegen kann, kann nicht darauf gehen, den Staat zu belehren, wie er sein soll, sondern vielmehr, wie er, das sittliche Universum, erkannt werden soll." (W 7, 26) Hegel behauptet seine Theorie als kritiklos gegenüber ihrem Gegenstand, kritisch nur gegen dessen Kritiker oder gegen dessen untaugliche Rechtfertigung durch die Historische Rechtsschule. Zum Belehren, wie die Welt sein soll, komme "ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozess vollendet und sich fertig gemacht hat." (28) Auch die Geschichte zeige, "dass erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfasst, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut." (Ebd.) Hieran schließt sich das Doppelbild, in dem "sich der Philosoph aus dem Maler in einen Raubvogel" verwandelt (Demandt 1978, 159).


2. Das Bildmaterial ist vieldeutig. "Abenddämmerung" und "Morgenröte", "Mittag" und "Mitternacht" sind beliebte rhetorische Topoi. So heißt es in Mommsens Römischer Geschichte, III, 630: "Die Morgenröte kehrt nicht wieder, bevor die Nacht völlig hereingebrochen ist." (Zit.n. Demandt 1978, 158) Marx empfindet sich 1847 am "Vorabend" der Revolution (zit.n. ebd.). "Voraussetzung für eine tageszeitliche Deutung der Gegenwart ist eine Prognose, die so oder anders lautet, je nachdem, ob man mit Habermas vom Spätkapitalismus oder mit Lübbe vom Spätmarxismus spricht." (160)

Die Eule ist der Todes-, Zauber-, Hexen, ja Teufelsvogel, der freilich auch wieder Geburt oder Glück künden kann und mit dem vielerlei Zauber und Gegenzauber getrieben worden ist (vgl. Bächtold-Stäubli 1929/30, 1073-79). - Aber auch der Vogel des Dil Ulenspiegel, den die Ausgabe von 1515 mit der Eule in der einen und dem Spiegel in der andern Hand zeigt (Ein kurtzweilig Lesen). "Die älteren Deutschen waren eigentlich ein lustiges Volk", notiert daher Hegel. "Aus dem würdigen Ulysses, dessen Leben eine Ernsthaftigkeit war, haben sie einen albernen Eulenspiegel [...] gemacht." (W 2, 541) Doch ist dieser plebejische Listenreiche nicht albern, sondern lernfähig; man veralbert ihn nur einmal, dann zahlt er es heim. "Eulenspiegel ist die personifizierte Wendigkeit des besitzlosen Bürgers im Verkehr der Privatleute." (Haug 1976, 23)

In Athen, mit dessen Stadtgöttin Athene sie verbunden war - deshalb ist sie als `l'Oiseau de Minerve' ins Französische eingegangen -, wurde die Eule "als geistiger Vogel verehrt" (Kl Pauly, 422): Das mag einer Kontamination mit der Gestalt der Athene entstammen, denn diese lässt der Mythos dem Kopf des Zeus entsprungen sein; sie ist die personifizierte Kopfgeburt. Vom Vater der Minerva heißt es bei Hegel: "Er ist der politische Gott, der ein sittliches Werk, den Staat, hervorgebracht hat." (PhilGesch, W 12, 101) Aber wenn Aristophanes die Göttin Athene als die "mit der Eule" beschwört (Aves, 516), so muss das den Athenern nicht bloß geistig geklungen haben, war doch die Eule das Wappentier auf attischen Silbermünzen, die daher "Eulen" (glaûkes) oder "Pallades" hießen, weil auf der Vorderseite wiederum der Kopf der Pallas Athene abgebildet war (Kl Pauly, 3, 1449). Dass im 5. Jh. v.u.Z. Athen versuchte, die "Eulen" seinen `Bundesgenossen' aufzuzwingen (vgl. Austin/Vidal-Naquet 1984, 91), mag auch dem Spruch: "Eulen nach Athen tragen" einen Doppelklang verliehen haben.


3. Die allgemeine Rezeption honoriert die vom Kontext gegebene Deutung. "Hegel wusste, dass `eine Gestalt des Lebens' alt geworden war", meint etwa Herbert Marcuse, "und dass sie durch die Philosophie niemals verjüngt werden konnte"; jene letzten Abschnitte der Vorrede "kennzeichnen den Tenor der gesamten Rechtsphilosophie. Sie markieren die Resignation eines Mannes, der weiß, dass das Ende der von ihm dargestellten Wahrheit sich abzeichnet und dass sie die Welt nicht länger beleben kann." (Schriften 4, 165f) Nicht die Ahnung vom Untergang, sondern die Behauptung der Ewigkeit des Bestehenden besagt das Doppelbild für Louis Althusser: Die hegelsche Totalität fängt die Zeit in einer systemischen Gegenwart ein, die "den Horizont alles Wissens" bildet. "So weit die Philosophie auch vordringt, sie überschreitet nie die Grenzen dieses absoluten Horizontes: Selbst wenn sie ihren Flug bei hereinbrechender Dämmerung beginnt, gehört sie noch zum Tage, und zwar zum heutigen Tage. Sie ist nur die Selbstreflexion der Gegenwart, die Reflexion des Beisichselbstseins des Begriffs: das Morgen ist ihr von ihrem Wesen her verschlossen." (LLC, 1, 124f) Und Ernst Bloch ordnet in Zur Ontologie des Noch-nicht-Seins das Bild ein in die seit Platon "in den Ausgang philosophisch rückwärtslaufende" Erkenntniskonzeption, der die Frage nach dem Wesen "längst schon erledigt" ist, weil dieses "vorzeitlich still" zu stehen scheint. "Wesen ist Gewesenheit. Dieser Bann reicht noch bis Hegel, ja kulminiert in ihm, wenigstens in seiner abenddämmrigen Minerva, in der Zuordnung des Wissens einzig zur Gewordenheit des Inhalts; in der Ablehnung des noch offenen Noch-Nicht" (1961, 23). Nicht viel anders versteht Jürgen Mittelstrass, wenn auch ohne die marxistische Frage, Hegels Bild: "Athenes Klugheit bringt Klarheit - und Tod. Philosophie, Bildung ist, wenn man Hegels Deutung folgen will, Verwandlung der Welt in ihren Gedanken, Erinnerung." (1989, 44)

Ganz anders äußert sich Bloch in seiner Leipziger Hegel-Vorlesung: Wohl steckt hinter dem Gleichnis "Hegel, der Antiquar, mit der Betrachtung nach ihrer am meisten defätistischen Seite. Die postume Minerva reimt sich nicht mit der tätigfrischen, die die Ägis, ihren Schild, ergreift, mit der wachen Taggöttin. Die Entstehung von Hegels eigener Philosophie widerspricht der Spät-Eule, um vom prozesslustigen Inhalt zu schweigen. Ihre Anfänge fallen in die Stürme der Französischen Revolution, die Phänomenologie wurde kurz vor den Donnern der Schlacht bei Jena beendet, die Lehre selbst macht den Thermidor mit, der die frische Bourgeoisie einsetzte, und mit Napoleon, der `Weltidee zu Pferde', fühlte sie sich, in eminentem Sinn, gleichzeitig. Wäre die Philosophie wirklich auf Dämmerung angewiesen, dann wäre die hegelsche zu ihrer Zeit überhaupt nicht möglich gewesen, sondern sozusagen erst nach 1850." (Subjekt-Objekt, 231)

Franz Mehrings Marx-Biographie liegt dagegen im allgemeinen Trend, wobei eine ideologiekritische Demontage hinzukommt: "Indem Hegel den absoluten Geist als Weltgeist immer erst nachträglich im Philosophen zum Bewusstsein kommen ließ, sagte er im Grund nur, dass der absolute Geist zum Schein in der Einbildung die Geschichte mache, und er hatte sich sehr nachdrücklich gegen die Missdeutung verwahrt, als ob das philosophische Individuum selbst der absolute Geist sei." (GS 3, 105) - "Aber solche Deutung", wendet Bloch ein, "ist `im Grunde' so wenig hegelisch wie möglich und auch marxistisch nicht in Ordnung, sofern nach Marx die Idee sich zwar allemal blamiert, wenn sie mit dem Interesse in Konflikt kommt, jedoch geschichtsbildend mitwirkt, sobald sie mit dem Interesse, als Ideologie, konfliktlos verbunden ist." (Subjekt-Objekt, 232) Die anschließende Bemerkung hängt nicht eben kohärent daran: "Hegels Satz bleibt reaktionär, mindestens entsprach er dem starken Ruhebedürfnis seiner späteren Jahre".

Sieht man von einigen platt legitimationsideologischen Passagen wie der "philosophischen Deduktion der Erblichkeit des Monarchenposten" in §286 ab, die "zum Einfältigsten [gehört], was zu diesem Thema je geschrieben worden ist (und dazu gehört schon etwas!)" (Klenner 1982, 129), dann wird deutlich, dass Vorrede und Durchführung der RPh einander widersprechen. Das ist weithin Gemeingut der marxistischen Hegelinterpretationen. "Hegels Rechtsphilosophie doziert neben ihrer Reaktion, mitten im bejahten Fideikomiss Preußen, die Öffentlichkeit der Rechtspflege und das Schwurgericht, die Emanzipation der Juden, die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, die administrative Selbständigkeit der Gemeinde, die Volksvertretung. All das ist bejahte und herausgearbeitete Tendenz der bürgerlichen Entwicklung, im Sinn und Weiterungs-Sinn des Thermidor, nicht im Unsinn der reaktionären Ständestaats-Romantik. Und die Staatsform selber, die Hegel imponiert, ist nicht der preußische Absolutismus, sondern eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Muster. Der Monarchist Hegel definiert den König sogar bedeutend substanzloser als die gleichzeitigen englischen Kronjuristen" (Bloch, Subjekt-Objekt, 233f). Das gilt freilich nicht durchweg. Einerseits wird der Monarch als derjenige gedacht, der in "grundloser Unmittelbarkeit" (RPh, §281) handelt und nach dem theologischen Gnadenparadigma (§282) die Regierung in "unbeschränkter Willkür" (§283) beruft und abberuft. Andererseits als einer, der - wie es allerdings nur in dem von Eduard Gans, dem Lehrer von Marx, überlieferten späteren mündlichen Zusatz heißt - "`Ja' sagt und den Punkt auf das I setzt" (§280, Zusatz).

Bei alledem fragt sich, warum Hegel in seinem Eulengleichnis, wie Bloch bemerkt, "den Anteil des Philosophen an der politischen Welt zu einem Post festum" reduziert, "geradezu mit einer Art ruhmrediger Bescheidenheit" (Subjekt-Objekt, 231). Oder hat das Doppelbild auch einen Doppelsinn?


4. "Im Philosophieren gibts nichts zum Vorstellen", heißt es in einem von Hegels Jenaer Aphorismen. "Hier und da ein Bild. An das halten sich die Menschen." Sein Beispiel ist das Bild von der "tabula rasa", das Aristoteles "zufällig, zur Notdurft gebraucht" und das "von seinem Begriff der Seele nicht das Wesentliche aus[drückt]" (W 2, 562). Wenn die Vorstellungen im Philosophieren nichts zu suchen haben, so die Philosophie in den Vorstellungen desto mehr. Vermittels derselben wird sie zur allgemeinen Macht, wie Hegel in einem weiteren Aphorismus sagt: "Die Philosophie regiert die Vorstellungen, und diese regieren die Welt. Durch das Bewusstsein greift der Geist in die Herrschaft der Welt ein. [...] Nicht Bajonette, nicht das Geld, nicht einzelne Kniffe und Pfiffe sind das Herrschende [...], sondern der Compositeur ist der Geist." (561)

Freilich ist der "Geist" zugleich weniger als ein individuelles Bewusstsein und mehr als dasselbe, das sieht Mehring durchaus richtig. So muss auch dieser Satz des jenenser Hegel nicht im Sinne eines sich selbst transparenten souveränen Ausdruck stiftenden Subjekts gelesen werden. Er verträgt sich vielleicht sogar mit Hans Blumenbergs allgemeiner Reflexion übers Gleichnis: "Es ist der Paradefall für Hermeneutik, aber in umgekehrter Richtung: nicht die Ausdeutung bereichert den Text über das hinaus, was der Autor in ihn hineingewusst hat, sondern der Fremdbezug fließt unabsehbar in die Produktivität zu Texten ein." (1979, 79f) Wäre am Ende Hegels Eule eines der "Leitfossilien einer archaischen Schicht des Prozesses der theoretischen Neugierde, die nicht deshalb anachronistisch sein muss, weil es zu der Fülle ihrer Stimulationen und Wahrheitserwartungen keinen Rückweg gibt" (77)?


5. "Die Philosophie", heißt es bei Mittelstrass, "ist schon lange nicht mehr das Adlerauge ihrer Zeit, Macht und Klarheit symbolisierend, Klarheit über die Topographie menschlicher Verhältnisse, Bewegung, Licht und Schatten. An die Stelle des Adlers ist [...] Hegels Eule getreten. Näher an den Dingen als der Adler, aber schlafend, während die Welt lebt, wachend, wenn sie schläft. [...] So wird Philosophie häufig aufgefasst - und mit einem Bildungsideal verbunden, das der Literatur und der Geschichte näher ist als der Wissenschaft." Er möchte "das Symbol der Klugheit Minervas - und Till Eulenspiegels, des Spaßmachers und Aufklärers" umfunktionieren und angesichts des Auseinanderfallens von Philosophie und Wissenschaft den "Flug der Eule" zum "Symbol der wiederherzustellenden Einheit" machen (1989, 9f). Doch scheint die neue Eule der Wissenschaftstheorie auf einem Auge blind, denn die soziale "Bewegung, Licht und Schatten" sieht sie nicht. Dafür erstrahlt ihr eine "Wissenschaft, die die Welt verändert, neue Welten macht" (ebd.). Sie verkennt also, was mit der Wissenschaft gemacht wird, als von der Wissenschaft gemacht. Es fehlt die marxsche "Klarheit über die Topographie menschlicher Verhältnisse", der Adlerblick auf die herrschende Macht über die realisierte Wissenschaft, das Kapital. Ohne diese Klarheit geht es aber dem Wissenschaftler wie dem homo politicus, wo dieser sich als "das imaginäre Glied einer eingebildeten Souveränität" gebärdet (MEW 1, 355). Mittelstrass meint nun, "dass im Historismusmodell wissenschaftlicher Entwicklungen" - hier schwingt Poppers Marxkritik mit - "wissenschaftliche Rationalität im Wesentlichen als Forschung über Darstellungen (also als Forschung zweiter Stufe) auftritt, nicht, wie etwa noch im Fallibilismusmodell, als Darstellung von Forschung (als Darstellung zweiter Stufe)." (1989, 251) Das Argument stammt aus gut marxistischer Selbstkritik. Oskar Negt hat der Kapital-Rezeption den "Überhang der Darstellungslogik im Verhältnis zur Forschungslogik von Marx" vorgehalten und darin einen Ausdruck politischer Unsicherheit und Desorientierung gesehen (1976, 38). Bei Mittelstrass aber dient das Argument zur rationalistischen Kritik an Geschichte: "Über Wahrheit und Falschheit entscheidet nicht die Geschichte, sondern die Vernunft - auch wenn es häufig erst die Geschichte ist, die der Vernunft die Augen öffnet." (1989, 252) Der Gegensatz ist ungedacht: "die Geschichte" steht als `vernommene' Geschichte ebenso für "die Vernunft" wie "die Wissenschaftstheorie". Und "Vernunft" findet sich selbst nicht außerhalb dieses Vernehmens. Wiederum ist sie als Richterin über die Wahrheit doch nur die Fähigkeit zur Epistemologie als Reflexion eines arbeitsförmigen Prozesses der Erkenntnisgewinnung. Unter Isolation von `der Praxis' - d.h. vom Gewimmel vernetzter, sich insgesamt reproduzierender Praktiken - vernähme `die Vernunft' nichts. Das gibt ja auch erst Mittelstrass' Satz einen Sinn: "Der Flug der Eule schafft die Welt." (59) Sie ist die Eule der `geschichtlichen' Bildung. "Wer die Welt haben will, wie sie `an sich' ist, muss auch Bildung beiseite schieben. Nur fände er dann [...] nichts vor, das noch Welt sein könnte. Er wäre in das Reich der Einzeller zurückgekehrt - ohne Begriffe, ohne Erfahrungen, ohne Theorien" (59). Antonio Gramsci argumentiert ähnlich (vgl. Gef 6, H. 11, §20, 1414f), nur dass er nicht den Flug der Eule, sondern das Ensemble menschlicher Praktiken, zumal Kopf und Hand der arbeitenden Menschen die "Welt des Menschen" (Marx) schaffen lässt.


6. Bei Hegel mag die Eule der Minerva scheinklar, halb als Denkbild, halb als Deckbild, fungiert haben. Vielleicht ist sie zuletzt "eine verkappte Metapher des Erwachens, denn sie zeigt uns, wie die tätigen aber unwissenden Normalmenschen dem wissenden, aber untätigen Philosophen das Feld überlassen [...]. Hegel hat Mut zur Paradoxie" (Demandt 1978, 159). Er hatte nicht den Mut (den er als Unklugheit empfunden haben mag), seine Meinung gegen die der Herrschenden offen zu sagen. Noch zwanzig Monate vor Fertigstellung der Vorrede zur RPhil, in seiner Berliner Antrittsvorlesung, hatte er die "Morgenröte eines gediegenen Geistes" begrüßt und "den Geist der Jugend dabei an[gerufen], denn sie ist die schöne Zeit des Lebens, das noch nicht in dem System der beschränkten Zwecke der Not befangen und für sich der Freiheit einer interesselosen wissenschaftlichen Beschäftigung fähig ist." (SW XI, 8). Dazwischen lag der politische Mord an Kotzebue und die aus diesem Anlass in Gang gesetzte "Demagogenverfolgung". Für Karl-Heinz Ilting bezeugt die topische Differenz "einen durchgreifenden Wandel in Hegels Stellung zur geschichtlichen Gegenwart seiner Zeit und zu den Aufgaben der politischen Philosophie" (1973, 43). Es mag zum Teil Selbstzensur, zum Teil Verdrängung des bislang Selbstgedachten gewesen sein. Carl Ludwig Michelet hat 1827 dem Bild vom erst abends beginnenden Flug der Eule im Gespräch mit Hegel das andere Bild entgegengesetzt - den Gegensatz freilich mit einem "aber auch" verwischend -, dass nämlich "die Philosophie aber auch der Hahnenschlag eines neu anbrechenden Morgens ist, der eine verjüngte Gestalt der Welt ankündigt", womit Hegel einverstanden gewesen sei (Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen, Berlin/DDR 1971, 331; zit.n. Klenner 1982, 134).

Der Doktorand Marx wendet sich in den Heften zur epikuräischen Philosophie gegen "psychologisches Kleinkramen" im Umgang mit Philosophien; die "durchgehenden wirklichen Krystallisationen" sind zu identifizieren und von den "Rechtfertigungen [...] der Philosophen, soweit diese sich selbst kennen, zu trennen; den stumm fortwirkenden Maulwurf des wirklichen philosophischen Wissens von dem gesprächigen, exoterischen, sich mannigfach gebährdenden phänomenologischen Bewußtsein des Subjekts, das das Gefäß und die Energie jener Entwicklungen ist." (MEGA IV.1, 137) Das ist noch ganz im Sinne Hegels, denn dessen "Wappentier war eher der Maulwurf" (Klenner 1982, 127). Zwei Jahre später endet Marx die (veröffentlichte) Einleitung zu seiner (zu Lebzeiten unveröffentlichten) Hegelkritik mit dem Satz, der dem Weisheits- und Totenvogel den Vogel des Lebens, und dem Volk der `Dichter und Denker' das politischste Volk der Moderne entgegensetzt: "Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns." (MEW 1, 391) Freilich geht auch bei Hegel die "innere Sonne des Selbstbewusstseins" im Westen auf (W 12, 134).

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