Erich Wulff ("Georg W. Alsheimer") 1926–2010

Am 31. Januar starb Erich Wulff nach langer Krankheit in Paris.
In ihm verloren wir einen unserer Besten. Er war Autor, Inkrit-Kurator und verkörperte den politisch engagierten, dabei seine geistige Autonomie stets bewahrenden wissenschaftlichen Intellektuellen, der wenn nötig auch seinen Freunden die unbequemen Wahrheiten nicht ersparte – etwa als Vorsitzender der Deutsch-Vietnamesischen Freundschaftsgesellschaft dem sozialistischen Vietnam, für das er sich unter Lebensgefahr eingesetzt hatte.

Er war nicht nur Mitarbeiter und Mitstreiter.
Er war ein Freund, wie man ihn im Leben nur einmal findet. WFH

Lorenz Jäger in der FAZ :
»Auf fünfhundert linke Intellektuelle, die in den roten Jahrzehnten von der Erfahrung des ›Fremden‹ schwärmten und dabei doch nur bis kurz hinter die Brennergrenze fuhren, kamen zwei oder drei, die sich dieser Erfahrung wirklich aussetzten. Zu ihnen gehörte Erich Wulff, geboren 1926 in Tallinn in Estland ...«
Quelle: FAZ 04.02.2010, Lehrzeit in der Fremde

Helmut Höge im taz-Blog:
»1968 veröffentlichte der Psychiater Erich Wulff das Buch Vietnamesische Lehrjahre, in dem er über seine Arbeit als Arzt in Hué von 1964 bis 1967 berichtete. Zwischendurch mußte er nach Deutschland zurückkehren und wieder in einer Freiburger Ambulanz arbeiten, wo ihn die Beschäftigung mit den psychischen Leiden der Mittelschicht jedoch bald anödete:
›In Vietnam hatte ich Krankheit als gewaltsamen Einbruch ins Studium, ins Arbeits- und Privatleben kennengelernt; der Arzt reparierte sie, wenn er konnte…Die Lebensumstände, in die der Entlassene zurückkehrte, waren oft empörend; aber der Arzt konnte dennoch das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben, etwas Wirkliches; auch hatte die Überlegung Sinn, wie die Verhältnisse, die ständig Krankheit verursachten, sich ändern ließen.
Die Änderung war nicht bloß denkbar, sondern es wurde im Land um sie gekämpft. Ein vielfältiger Prozeß der Veränderung nahm einen auf, bot Möglichkeiten des Eingreifens. Auch in persönlichen Freundschaften war solche Wirklichkeit greifbar: was mich mit Tuan, Mien u.a. verbunden hatte, beruhte vorrangig auf gemeinsame Stellungnahme zu den Ereignissen, war in seinem Kern Politik, Engagement für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Unsere Freundschaften waren niemals in der Fadheit des bloß Privaten eingeschlossen. Sie waren sozusagen in einem pathetischen Sinne republikanisch. In Vietnam hatte mich gesellschaftliche Wirklichkeit bis in die sogenannte Intimsphäre hinein betroffen und herausgefordert.‹«
Quelle: blogs.taz.de "Schafft zwei, drei, viele Vietnam!" / Erich Wulff


Biografisches zu Erich Wulff:

Erich Wulff, geboren am 6. November 1926 in Tallinn, Estland, deutscher Psychiater, war Professor für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Aufgewachsen in der damaligen Republik Estland, von den Nazis mit seiner Familie als »Baltendeutscher« nach Posen umgesiedelt. 1944/45 Kriegsteilnehmer mit anschließender Kriegsgefangenschaft. 1947–1953 Studium der Medizin und Philosophie an der Universität Köln, gefolgt von einem Studienaufenthalt in Frankreich. Ausbildung zum Psychiater an den Universitäten Marburg und Freiburg/Breisgau. 1961–1967 Lehrauftrag an der medizinischen Fakultät der Universität Hué in Vietnam; unter dem Pseudonym Georg W. Alsheimer berichtete er in einem damals vielbeachteten Buch über seine Erlebnisse. In Deutschland Engagement in der antiimperialistischen Vietnam- und Friedensbewegung. 1968–1974 Oberarzt der Psychiatrie-Klinik am Universitätsklinikum Gießen, 1969 Habilitation, Professeur associé an der Universität Paris VIII. 1974 Berufung an die neu geschaffene Professur für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mitbegründer der deutschen Psychia­triereform. Spezielle Interessensgebiete: Ethnopsychiatrie und Strukturanalyse des Wahnsinns, angeregt von ­Georges ­Devereux. War Redaktionsmitglied der Zeitschriften Das Argument und Sozialpsychiatrische Informationen. 1994 Emeritierung. Lebte seit 2003 in Paris und Südfrankreich.


Erich Wulffs Werke

Die Vietnam-Tagebücher:

Georg W. Alsheimer: Vietnamesische Lehrjahre. Suhrkamp 1968, ²1972, ergänzt um Nachbericht von 1972
Georg W. Alsheimer: Eine Reise nach Vietnam. Suhrkamp 1979
Erich Wulff: Vietnamesische Versöhnung. Tagebuch einer Vietnamreise 2008 zu Buddhas und Ho Chi Minhs Geburtstag. Argument Verlag 2009. Details/Bestellen

Weitere Schriften:

Psychiatrie und Klassengesellschaft. Zur Begriffs- und Sozial­kritik der Psychiatrie und Medizin. Athenäum 1972
Der Arzt und das Geld (Nachdr. aus Das Argument 69/1971). Argument 1978
Transkulturelle Psychiatrie (Nachdr. aus Das Argument 50/1969). Argument 1979
Psychiatrie und Herrschaft (Nachdr. aus Das Argument 110, 111). Argument 1979
Psychisches Leiden und Politik. Ansichten der Psychiatrie. Campus 1981
Wahnsinnslogik. Von der Verstehbarkeit schizophrener Erfahrung. Psychiatrie-Verlag 1995. Neuausgabe Psychiatrie und Argument 2003
Irrfahrten. Autobiographie eines Psychiaters. Psychiatrie-Verlag 2001
Das Unglück der kleinen Giftmischerin und zehn weitere Geschichten aus der Forensik. Psychiatrie-Verlag 2005

Als Herausgeber:

Ethnopsychiatrie. Seelische Krankheit, ein Spiegel der Kultur? Akademische Verlagsgesellschaft 1978
Achim Thom u. Erich Wulff: Psychiatrie im Wandel. Erfahrungen und Perspektiven in Ost und West. Psychiatrie-Verlag 1990

Literatur über Erich Wulff:

Wolfgang Fritz Haug (Hg.): Fremde Nähe. Festschrift für Erich Wulff. Argument 1987
Sozialpsychiatrie im Wandel. Zur Emeritierung von Erich Wulff. Psychiatrie-Verlag 1993
Wielant Machleidt: »Erich Wulff als Ethnopsychiater. Hommage zu seinem 80. Geburtstag«. Biografischer Abriss. In: Sozialpsychiatrische Informationen 2/2007.