Der Wind, das Meer und der Nebel ...
Auf Wolkenriff, einer Insel nahe der Nebelgrenze, lebt ein friedliches Fischervolk mit einer Liebe zu verschlungenen Geschichten. Die junge Quell, ein Schützling der Gewährsfrau, steckt voller rastloser Träume. Eines Tages am Strand sieht sie, wie sich eine Gestalt aus dem Nebel löst und zum Spiegelbild ihrer selbst wird! Diese Frau bringt die Kunde, dass ein machthungriges Imperium die Inselwelten mit Krieg und Eroberung bedroht. Damit beginnt für Quell und ihre ungleichen Freunde eine tollkühne Odyssee in fremde Kulturen und tödliche Gefahren ...
Amazon.de über Schwester des Sturms (Auszug):
"Auf der Insel Wolkenriff lebt ein friedliches Fischervolk im Einklang mit der Natur und der Magie des Nebels, der immer wieder neue Inseln erschafft. Eines Tages kommt die Scheme aus dem Nebel, ein magisches Wesen, das einen Menschen als Muster braucht, um humanoide Gestalt annehmen zu können. (...) Die Scheme bringt eine Warnung. Krieg droht. Aber als Quell, ein paar Freunde und die Scheme zur Insel Delta aufbrechen, um die Eiländer zu warnen, ist es schon zu spät. Die Waldländer sind bereits siegreiche Eroberer. Plötzlich sind Quell und die anderen in einen verzweifelten Krieg verwickelt, und was als Abenteuer begann, ist auf einmal bitterer Ernst.
Der Argument Verlag widmet sich mit seinen Social Fantasies Science Fiction und Fantasy, die in Inhalt und Stil etwas andere Wege einschlagen. Von Sean Stewart, unter anderem Gewinner des World Fantasy Awards 2001, erschienen hier die Romane Der schwarze Dolch und Die Nachtwache. Stewart erzählt die Abenteuer von Quell und Jo, der Scheme, mit einer ausgesprochen bildhaften Sprache, die hier erschaffene mystische Welt weiß zu faszinieren; trotz der handfesten Abenteuer, mit denen die Charaktere konfrontiert werden, steht die Atmosphäre im Vordergrund und macht diesen Roman zu einer lohnenden und spannenden Lektüre. (...) Freunde von Erzählungen wie Ursula K. LeGuins Erdsee sind hier genau richtig."
-- Andreas Decker
Leseprobe
Möwen wirbelten herab, ganz weißer Brustflaum und graue Rücken, ließen sich den Krabbenstrand entlangtreiben oder standen wichtigtuerisch im Seetang am Rand des Wassers. Und dann, vor Quells Augen, streckte und verzerrte sich die größte Möwe, ihr Körper zerlief wie Wachs und veränderte seine Gestalt. Quell sprang mit einem Schrei auf die Füße und packte Finch am Arm. "Bring die Kinder ins Dorf zurück. Sag Shandy, dass am Strand ein Nebelding aufgetaucht ist."
Finch nickte und trieb die Kinder auf dem Pfad das Riff hinauf. Wieder und wieder sah sie sich um, hoffte, ihre große Schwester würde nachkommen, aber Quell blieb zurück.
Möwenstimmen spuckten und schrien, als Jo zur Erde fiel. Sie war allein. Und ach, die entsetzliche Leere dieses Augenblicks, als ihr Körper überschwappte und zerlief, nach einer Gestalt gierend. Sie musste ein Mensch werden, das wusste sie noch. Aber es war schwer, einen Körper aus Erinnerungen zu schaffen, die der Nebel verwirrt hatte. Es war schwer, eine Frau aus Wind und Wellen zu formen, aus dem Stein unter ihr und dem teilnahmslosen Himmel über ihr.
Sie brauchte jemanden, den sie nachbilden konnte.
Sie lauschte. Lauschte in den Knoten aus Kindern hinein, in ihre panische Angst, ihre weit aufgerissenen Augen und ihr Vertrauen; lauschte auf die junge Frau, die sie beaufsichtigte. Ja, das war eine, der die Dorfbewohner vertrauen würden.
Sie wand sich um die Stimme der jungen Frau, zog Meer und Stein zusammen, Wolken und Himmel - und verknotete diese Bestandteile zu einer menschlichen Gestalt. Und dann griff sie nach der Frau hinter der Stimme und eignete sich ihr Muster an.
Quell. Ihrer beider Name war Quell.
Quell zitterte, drehte an dem Armband aus blauen Muscheln an ihrem Handgelenk. Es war entsetzlich zuzuschauen, wie das Nebelgeschöpf vor ihren Augen Gestalt annahm; kostbar; geheimnisvoll.
Ihr ganzes Leben lang hatte sie jene Augenblicke in Ehren gehalten, in denen ein Ruf aus dem Nebel zu ihr drang, fremd und bedeutungsschwer. Doch noch nie hatte sie die Magie so stark gespürt wie jetzt, lebendig und bitter in ihrem Blut. Etwas in ihr war geborsten, ein Damm gegen den Wahnsinn.
Nebel strömte aus dem Körper der Möwe. Ihr winziger Kopf war größer geworden, ihre runden Augen schmaler und silbrig. Ihr Schnabel fand zur Gestalt einer ausgeprägten Hakennase. Das Gefieder auf ihrem Kopf entwirrte sich zu Haaren, einer schwebenden Masse weißer Spinnweben. Sie regte sich, zischte wie eine Möwe und starrte Quell aus nichtmenschlichen Augen an.
Während die Möwenfrau Quells Blick bannte, bräunte sich ihre blasse Haut. Ihr weißes Haar verdichtete sich zu vier braunen Zöpfen in ihrem Nacken. Knochen brachen aus ihren Handgelenken hervor und verhärteten sich zu einem Armband aus blauen Muscheln. Ihr Körper kräuselte sich und schrumpfte, schmolz vor Quells Augen wie eine Kerze, nahm die Gestalt einer jungen Frau in einem Kleid aus blau gefärbtem Segeltuch und Aalhautstiefeln an.
"Ein Zwilling", flüsterte Quell - denn sie sah sich selbst.
Sie würde sterben.
Auszug aus Schwester des Sturms von Sean Stewart. Copyright © 2002. Alle Rechte vorbehalten.
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Der Autor
Sean Stewart, 1965 geboren, ist wohl die originellste Stimme der zeitgenössischen phantastischen Literatur. Bis zu seinem Erfolg als Schriftsteller schlug er sich als Dachdecker, Theaterdirektor und Computerspezialist durch. Seine ersten Romane brachten ihm auf Anhieb vier Literaturpreise ein, darunter den begehrten Aurora Award und den Arthur Ellis Award. Alle kamen in die Jahres-Bestenliste der New York Times. Sean Stewart wird heute in einem Atemzug mit Le Guin, Tolkien und den großen Vertretern des magischen Realismus genannt und wurde 2001 mit dem "World Fantasy" sowie dem "Sunburst Award" ausgezeichnet. Er lebt mit Frau und zwei Töchtern in Houston, Texas.
Weitere Romane von Sean Stewart bei Argument:
Die Nachtwache, ein futuristischer Thriller mit starken Magic-Realism-Zügen, ein Juwel in der Reihe Social Fantasies.
Der schwarze Dolch, ein historisch-fantastisches Märchen, das beginnt, wo die meisten Märchen enden.
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