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Die Zukunft Europas zwischen malerischen Mythen und Hightech-Futuristik:
In Spanien herrschen Ironie der Geschichte die Mayas. Mit nanotechnologischem Knowhow kontrollieren sie den Südwesten Europas. Zentrum ihrer Macht ist Nanotikal, umgeben von biotechnisch erzeugtem Urwald. Dort waltet der Zensor, oberster Sicherheitsbeamter des großen Ahau. Der Zensor ist an Macht gewöhnt und an Intrigen. Doch es gibt Dinge in Nanotikal, die selbst er nicht wissen darf. Sonst wird er zum Risiko ...
Für den Guerillero Enrique ist das Leben auf Messers Schneide nichts Neues, Anschläge und desperate Aktionen gehören zu seinem Alltag. Doch dann gerät Enrique an eine Aufgabe, für die seine Mischung aus Klugheit, Charisma und Entschlossenheit nicht genügt. Denn jemand will ihn benutzen als Werkzeug für einen grauenhaften Vernichtungsschlag ...
Schnelle, raffinierte Handlungsfäden, die ausgeklügelte Balance der zwei grandios unterschiedlichen Protagonisten und phantastische Milieuskizzen fügen sich zu einem Leseerlebnis, das Sciencefiction-Freunde wie Gourmets der gehobenen Spannungsliteratur begeistern wird.
Leseprobe
Der Zensor war froh. Er war der brütenden Hitze endlich entkommen. Eines der wenigen Privilegien, die er rücksichtslos ausnutzte, war das Vorrecht, seine Residenz kühlen zu lassen, vom Altarraum, in dem er seinen Beruf ausübte, bis zu seinem Schlafzimmer. Er machte sich keine Sorgen, dass man ihn deswegen beneiden könnte. Er war ein Ahau. Auf Neid brauchte er nicht zu achten.
Nach dem deprimierenden Morgen, den er mit Spannerei, dem Zertreten von Vogeleiern und Repräsentationspflichten verbrachtet hatte, fühlte er sich jetzt viel besser. Sein Blick fiel auf den Altar. Die große Muschel dort enthielt noch die Überreste seines Blutopfers an Itzamnà, er hatte vorhin die staubigen, rostbraunen Flecken erneut mit den Fingern berührt, um diesen Arbeitstag dem Gott zu widmen. Und es hatte geholfen! Itzamnà hatte ihm eine Aufgabe geschickt: Gleich die zweite Botschaft des Tages, die Wacah Chan für ihn aus dem Meer der Nachrichten herausgefiltert hatte, war ein echter Treffer gewesen.
Der Text der Botschaft stand an einer der Querwände, zum besseren Lesen um das Zehnfache vergrößert und von Wacah Chan mit einer blinkenden Randmarkierung umgeben. Yaqui ging vor den Glyphen hin und her, las die Botschaft noch einmal. Sie war sehr einfach. Oberflächlich betrachtet stellte sie nichts weiter dar als die Einladung zu einem Opfer an Ah Kin Xooc, den Gott der Dichtkunst. In den Zeiten vor der Landnahme hätte man die Nachricht eine E-mail genannt und das angebliche Götteropfer eine Party, die Nanomaya nannten E-mails »Vogelrufe« und maskierten private Feiern als Gottesdienst, das mythische Paradigma wollte es so. Es gab Vogelrufe verschiedener Klassen, von einfachem Spatzengezilp bis zu Quetzals. Diese Einladung war ein Quetzal, stammte also von einem Mitglied der weitläufigen Königsfamilie und war an ein anderes Mitglied der Königsfamilie gerichtet. Yaqui kannte beide Männer flüchtig. Aber all das war nicht besonders interessant. Interessant war die Tatsache, dass der Vogelruf verschlüsselt war.
Dem Vogelruf ging eine Wasservogelglyphe voraus, um ihn als persönliche Mitteilung ohne ausführbaren Programmcode zu kennzeichnen, das letzte Zeichen stellte einen maskierten Tänzer dar und meinte Ah Kin Xooc selbst. Beide Glyphen waren sehr subtil verändert.
Es war an sich nicht unüblich, Nachrichten zu verschlüsseln. Jeder Maya wusste, dass seine Vogelrufe von Leuten abgehört werden konnten, für die sie nicht bestimmt waren. Über den Zensurdienst wusste niemand Genaues, außer dass er existierte er war bis hoch zu Yaqui konspirativ organisiert und unterstand aus nahe liegenden Gründen direkt dem Ahau. Man nahm allgemein an, dass es nicht viel Sinn hatte, den Zensurdienst kryptographisch überlisten zu wollen, versucht wurde es trotzdem. Die Codes, die zur Verschlüsselung verwandt wurden, reichten vom Primitiven und Lächerlichen bis zu sehr subtilen Methoden, die eine genaue Kryptoanalyse erforderten.
Diese Nachricht war anders. Aufgrund der leichten Modifikationen an den Glyphen war Yaqui sicher, dass sie verschlüsselt war, aber er hatte bisher keinen Code erkennen können. Eine Nachricht, die nicht nur verschlüsselt war, sondern eine echte Herausforderung darstellte! So etwas hatte es lange nicht gegeben, seiner Erinnerung nach ein oder zwei Jahre lang nicht. Er trank ein wenig Kakao aus dem Gefäß, das auf seinem Schreibpult stand, und ging zur Wand, um seine Hände über die Nachricht streichen zu lassen. Wie immer war er ein wenig erstaunt über die Kühle und Festigkeit des Steins, der doch unter der Hand von Wacah Chan formbar war wie Knet.
»Größer«, sagte Yaqui zu niemand Bestimmtem, und niemand Bestimmtes antwortete: »Faktor?«
»Handgröße.«
Der Stein verformte sich unter den Händen Yaquis blitzschnell und stellte danach dieselbe Nachricht dar wie vorher, nur passten jetzt die Glyphen genau in die Hände des Zensors. Er strich einmal von rechts nach links und von links nach rechts darüber. Manchmal half das seiner Phantasie auf die Sprünge. Aber jetzt fiel ihm nichts ein. Es waren nur zehn Glyphen, und zwei davon waren verändert, das war sehr wenig Material für ein Muster, und Yaqui konnte keines erkennen.
Yaqui nahm die Hände von der Wand und ging zu seinem Schreibpult. Er musste sich jetzt ernsthaft mit Wacah Chan unterhalten, und dazu brauchte er wie immer ein Gegenüber. Er rief seinen persönlichen Kommunikationsdämon auf. Sofort schwebte eine große, über und über mit grünen Federn geschmückte Schlange im Raum und sah Yaqui mit ihren kalten Augen an.
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Der Autor
Marcus Hammerschmitt, Jahrgang 1967, studierte Germanistik und Philosophie und ist Autor zahlreicher Erzählungen, Kurzromane und Hörspiele. Seine stilistische Bandbreite ist beeindruckend, seine Leserschaft begeistert er durch seinen Ideenreichtum, seinen gesellschaftlichen Weitblick und seine außergewöhnlichen Charaktere. Der Zensor ist sein zweiter Roman bei Argument Social Fantasies (zuvor: Der Opal). Frühere Werke erschienen bei Heyne und bei Suhrkamp (Phantastische Bibliothek). Marcus Hammerschmitts neuster Roman ist der Alternativwelt-Thriller Polyplay.
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