Marcus Hammerschmitt
Der Opal
SF 2060
· ISBN 3-88619-960-6
In den Warenkorb
(jederzeit widerrufbar)

Sie ist eine Auftragskillerin im Weltall ...

... und ihr Raumschiff ist in sie verliebt!
Die galaktische Söldnerin Latil – abgebrüht, viel sagend tätowiert, vom Leben hart geprüft und eigentlich nur geringfügig psychotisch – ist daran gewöhnt, immer auf dem Sprung zu sein. Für einen lukrativen Job zieht sie sich schon mal Lerndrogen mit riskanten Nebenwirkungen rein, und selbst die Schikanen der intergalaktischen Bürokratie hat sie weitgehend hinnehmen gelernt. Der aktuelle Auftrag strapaziert allerdings ihre jähzornige Ader: Nicht nur, dass das ihr zur Verfügung gestellte Schiff gerade heftig pubertiert und eine adoleszente Schwäche für Latil entwickelt. Der »Opal«, Lebensraum ihrer Auftraggeber, ist ein Kosmos für sich, undurchschaubar und von einer Spezies bevölkert, die an Selbstüberzeugtheit kaum zu überbieten ist. Dabei wollen die feinen Bürger ganz das Übliche von Latil: Sie soll einen von ihnen um die Ecke bringen, an dem sie sich nicht die Finger schmutzig machen mögen. Anscheinend stellt dieser Abtrünnige eine Bedrohung der vollendet harmonischen, überlegenen Welt des Opals dar ...

Schnell, prägnant, drastisch und gewitzt zeigt Zukunftsliterat Hammerschmitt, wie deutschsprachige Fiktion an Phantasie, Sinnlichkeit und Originalität jedem Maßstab der Welt leichthändig standzuhalten vermag.




Leseprobe

Ich bin Latil, dachte sie zähneknirschend. Als sie es sagen wollte, fielen ihr die Wörter nicht mehr ein, und nur ihre Lippen zitterten leicht über den gebleckten Zähnen. Die Zähne knirschten. Code, dachte sie. Code. Alles sehen, voll da. Und das Tier knirscht mich an, mit meinen eigenen Zähnen. Die Zähne gehörten ihr nicht mehr. Gemahlene Zähne im Wein des Käufers, die Perlen der Pharaonin. Die Zähne von Latil. Ich bin L–, dachte Latil, und weiter kam sie nicht, denn die Umcodierung fraß sich gerade an einer Stelle durch ihr Großhirn, das für die Fähigkeit verantwortlich war, A zu denken. Ich. Ihre geballten Fäuste wirkten lächerlich, Maschinenteile, beziehungslos hingehängt vor den altmodischen Glasspiegel, in dem sich auch ihr Gesicht, ihre Zähne, ihre Schultern, ihre Brüste und der Ansatz ihrer Bauchmuskeln spiegelten. Latil konnte ihren Kopf nicht mehr drehen. Zähne sind wichtig, dachte sie. Ich hätte nicht –. Ä war denkbar, A nicht. Ihre Kiefer begannen zu schmerzen. Sie war vor dieser Nebenwirkung gewarnt worden, in allen Hauptsprachen des Sektors. Das metallisch glänzende Tütchen lag vor dem Spiegel, ein wenig von dem weißen Pulver klebte noch an dem rohen Riss, den Latil an den Mund gesetzt hatte, um den Inhalt einzuatmen. Einatmen, nicht schlucken. Das war die Kunst. Auch wenn sich die Lunge wehrte. Wenn das Pulver verdaut wurde, wirkte es nicht. Nur über die Lunge. Ihre Lungen brannten, als habe sie flüssiges Blei eingeatmet. Sie lebte, weil sich ihr Brustkorb hob und senkte. Blasebalg, hätte sie gerne gedacht, aber während A langsam wieder frei wurde, war B jetzt besetzt, und L war seltsam verwaschen.
Latil sah die Tätowierungen an ihren Oberarmen entlangzüngeln, von den Handgelenken bis zu den Ellenbogen. Neoarabische Kalligraphie, feine tätowierte Zungen, in stilettscharfen Spitzen auslaufend, wie die Blätter eines blauen Grases. Ihre Kennung. Sie schwitzte trotz ihrer Nacktheit und war dankbar für die Kühlung. Das gute Tier knirscht mit den Zähnen. Jetzt lachen, dachte sie, und alles ist vorbei. Wenn das Pulver bei seiner Arbeit gestört wurde, konnte es sie auch auswischen wie einen Strich Kreide. Auch das hatte ihr die würfelförmige Verpackung des silbrigen Tütchens erklärt. Moderne Zeiten, jetzt schon ewig. Ihre kurzen Haare standen ab wie unter Spannung. Noch eine halbe Stunde, sagte eine Stimme aus der Mitte ihres Gehirns. Fünf Minuten erst vorbei. Überall Schweiß. Ihre winzigen Brüste waren fast völlig aufgespannt über ihren steinhart verkrampften Brustmuskeln. Ihr Körper begann unwillkürlich zu zucken, wahrscheinlich weil die betreffenden Gehirnregionen umcodiert wurden, und sie hoffte nur, dass der Sicherheitsrechner ihre Tätowierungen auch lesen konnte, wenn ihre Arme zuckten. Der linke Arm ihr Name, der rechte ihr Motto: Die Kraft der Schmerzen. Zum Glück dauerte das Zucken nicht sehr lang, sie fühlte sich sehr verwundbar in diesem Zustand. In ihrem nutzlosen Körper, der nur von verkrampften und durchsäuerten Muskelpaketen in seinen Grenzen gehalten wurde, rikoschettierte noch das Echo der Angst, als sie die andere Tätowierung auf ihrer Brust wieder entziffern konnte. Dort stand in allen Hauptsprachen des Sektors: »Ich habe kein Geld.« In Lepant und Elingwe war das gleichbedeutend mit »Ich bin ehrlos« bzw. »Die Götter verachten mich.« Der Tätowierer hatte ganze Arbeit geleistet. Je weiter die Zeilen an ihrem Körper abstiegen, desto beleidigender wurden die Übersetzungen. Wie immer hätte Latil beim Anblick der Sprüche lachen mögen, weil für die Kennungskalligraphie auf ihren Unterarmen und für die Beleidigungen auf ihrem Bauch derselbe Künstler verantwortlich war. In Wirklichkeit hing beides eng miteinander zusammen. Sie hatte eine Kennungstätowierung gebraucht und kein Geld mehr gehabt. Also hatte der Künstler sie auf seine Weise bezahlen lassen. Auf Morpheus tätowierte man nach hohen künstlerischen Standards. Überhaupt bewegte sich dort das Kunsthandwerk auf einem hohen Niveau. Die Beleidigungen auf ihrer Brust und ihrem Bauch ließen sich nicht entfernen. Wer es doch versuchte, konnte an der giftig gewordenen Tinte sein Gedächtnis verlieren, wahnsinnig werden, sterben. In einer kleinen Kartusche, links neben ihrem Nabel, hatte der Tätowierer sein Namenskürzel hinterlassen, gewissermaßen als Rechnungsadresse.
Ich sollte nach Morpheus zurückgehen, dachte Latil, die Rechnung bezahlen. Schwierig, dachte sie, schwierig. Ihr ganzer Oberkörper war schweißnass. Von ihrem Chip, der in dem leise tickenden Anzeiger an der Wand steckte, wurde Minute um Minute abgebucht. Ein teures Hotel, mit halbhumanen Angestellten. Aber sich in einem der dreckigen Automatenhotels mit ein oder zwei Ratten das Zimmer teilen, die sich durch die Isolierung genagt hatten? Danke, danke nein. Im grellen Licht der Deckenlampen wirkte ihre Haut jetzt wie geölt. Man konnte die kleinen kreisrunden Narben fast nicht sehen. Helle kleine Monde an ihren Armen und ihren Brüsten. An ihren sozusagen nicht vorhandenen Brüsten. An ihrem Hosenbund, dessen Gummizug schon etwas ausgeleiert war, begann der Schweiß einen Trauerrand zu bilden. Die Haut ihrer Hände brannte, wo die Fingernägel sich eingegraben hatten. »Lass es doch vorbei sein«, bat sie niemand Bestimmtes. Und dann war es wirklich vorbei. Sie fiel hin wie ein nasser Sack. Einer neuen Sprache mächtig.

Seitenanfang



Der Autor

Marcus Hammerschmitt, Jahrgang 1967, studierte Germanistik und Philosophie und ist Autor zahlreicher Erzählungen, Kurzromane und Hörspiele. Seine stilistische Bandbreite ist beeindruckend, seine Leserschaft begeistert er durch seinen Ideenreichtum, seinen gesellschaftlichen Weitblick und seine außergewöhnlichen Charaktere. Der Opal ist sein bisher unfangreichstes Buch. Frühere Werke erschienen bei Heyne und bei Suhrkamp (Phantastische Bibliothek).

Seitenanfang