Pink Plot
Rezension in
eurogay.de
Joseph Hansen
Dave Brandstetters erster Fall
Fadeout
Pink Plot 2051
. ISBN 3-88619-951-7
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Versicherungsdetektiv Dave Brandstetter hat nach dem Tod seines langjährigen Geliebten wieder einen Auftrag angenommen. Der kalifornische Radio-Star Fox Olson stürzt mit seinem Auto von einer Brücke – nur die Leiche des erfolgreichen Moderators wird nicht gefunden. Brandstetter hegt Zweifel und begibt sich auf die Suche, denn er glaubt nicht, dass Olson tot ist. Im Zuge seiner Ermittlungen stößt Brandstetter auf gescheiterte Karrieren, unglückliche Ehen und harte Machtkämpfe im provinziellen Valley. Je mehr er über Olsons Vergangenheit erfährt, desto weniger glaubt er an Unfall oder gar Selbstmord. Sollte Olson noch am Leben sein, schwebt er jetzt in höchster Gefahr. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Wird Brandstetter Olson vor dessen Mörder finden?

Mit Fadeout beginnt Pink Plot das Projekt der vollständigen Herausgabe des vielfach ausgezeichneten großen Klassikers des schwulen Kriminalromans: Mit Dave Brandstetter erschuf Joseph Hansen den schwulen Philipp Marlowe. Zwischen 1969 und 1990 schrieb Hansen zwölf Brandstetter-Kriminalromane und erzählt damit zugleich die spannende Geschichte schwulen Aufbruchs in den USA.

Leseprobe

Kapitel 1

Oberhalb der kalifornischen Ortschaft Pima, einer Ansammlung von Ranches, hüllte Nebel den Canyon ein. Es regnete. Nicht stark, aber stetig, grau und trüb. Zottelige Pinien traten wie Drohungen aus dem Dunst hervor. Sykomoren streckten ihre weißen gewundenen Arme über den Arroyo aus. Das Wasser brodelte abwärts: wütend, gefährlich und tief. Die Straße folgte dem Lauf des Sturzbachs. Eine schlechte Straße. Regenfälle hatten an ihren Rändern genagt. Sie hatte Löcher. Stellenweise verschwand sie unter Schlamm und Geröll. Eine steile und kurvenreiche Straße ohne Leitplanken.
Er bekam schweißnasse Hände beim Fahren. Warum? Sein Lächeln war bitter. Warum so vorsichtig? Hatte er nicht während der letzten sechs Wochen ständig seinen Tod herbeigesehnt? Seine Lippen strafften sich. Das war vorbei. Er hatte sich entschlossen weiterzuleben. Oder? Leben und vergessen – zumindest, bis er ohne Schmerzen zurückdenken konnte. Eines Tages würde es so weit sein. Ganz bestimmt. So stand es in allen Büchern. Die Summe menschlicher Weisheit und Erfahrung. Und bis dahin – nun, wenigstens arbeitete er wieder.
Dort war die Brücke. Eine Holzbrücke, etwa zehn Meter lang und drei Meter breit. Schwere Balken, dicke Planken, große Eisenbolzen. Einfach und stark. Eine Brücke, die hierher gehörte. Er hielt den Wagen an und stieg aus. Kalt. Er fröstelte und zog die Schultern ein. Voller Gier fraß das Regenwasser die Oberfläche der Straße und spritzte auf seine Schuhe. Seine Füße waren nass, als er auf die Brücke trat.
Das Geländer in Richtung des Tales war erneuert worden. Die neuen Balken wirkten blass. Sie harzten noch. Ein Wagen hatte das alte Geländer durchbrochen. Er schob die Hände in die Taschen seines Trenchcoats und starrte hinunter. Dieses Wasser verfügte über ungeheure Kräfte. Es war schlammig und schäumte, so dass er das mitgeführte Geröll nicht sehen konnte, aber er konnte es hören und fühlen. Die Brücke vibrierte. Dieses Wasser konnte ohne weiteres ein Auto mit sich reißen. Hatte es auch. Vor fünf Tagen. Drei Tage später, als das Unwetter nachgelassen hatte und der Wasserspiegel gesunken war, hatten Polizisten den Wagen gefunden. Eine Meile flussabwärts. Zerschmettert, zerquetscht, alles Glas zersplittert, die Türen halb fortgerissen. Den Fahrer hatte man nicht gefunden.
Deshalb war Dave Brandstetter hier.

Er ging zum anderen Ende der Brücke, wo die Straße eine scharfe Kurve bildete und dann steil nach oben führte. Es war eine verdammt gefährliche Stelle. Aber die ganze Straße war gefährlich, kaum mehr als ein schlecht geteerter Saumpfad. Allerdings wurde sie auch nur von den wenigen Menschen benützt, die im Canyon wohnten. Sie kannten die Straße, fürchteten sie also nicht. Was ein Fehler gewesen sein konnte. Jedenfalls für einen von ihnen. In einer dunklen Regennacht hatte Fox Olsons weißer Thunderbird diese Kurve vielleicht zu schnell genommen. Jedenfalls war er zu schnell dort unten angekommen. Dave platschte zu seinem Wagen zurück.
Er fand das Haus, eine Meile hinter der Brücke. Es stand abseits der Straße auf einer Anhöhe, von Eukalyptusbäumen mit rissiger Rinde überragt. Der dunkle Efeu, der den Hang davor bedeckte, glänzte vom Regen, genau wie die beiden Wagen in der Auffahrt, ein neuer roter Mustang und ein zerbeulter alter Chevrolet. Dave ließ seinen Wagen unter einem Manzanita-Baum an der Straße stehen. Das Haus war einstöckig, mit seitlichen Anbauten aus Zedernholz, ungestrichen und von der Witterung noch nicht gebleicht. Das Anwesen wirkte behaglich und teuer. Er drückte auf den Knopf neben der Haustür.
Die Frau, die öffnete, war klein, nicht viel größer als einsfünfzig. Mager, feingliedrig; Anfang vierzig, wie er selbst auch. In ihrem braunen Haar waren einzelne Silberfäden zu sehen. Sie trug es kurz geschnitten wie ein Junge, hübsch und schlicht. Ihre Hüften waren schmal wie die eines Knaben und sahen in den braunen Kordjeans gut aus. Dazu trug sie ein braunes kariertes Wollhemd. Kein Schmuck, kein Make-up, nur Lippenstift. Sie hätte nicht femininer aussehen können.
»Mrs. Olson?«, fragte er. »Ich bin Dave Brandstetter.«
»Und klatschnass«, entschuldigte sie sich. »Tut mir Leid. Kommen Sie rein.« Nach einem Blick auf das Wetter schloss sie schaudernd die Tür. »Geben Sie mir Ihre Sachen, ich hänge sie zum Abtropfen in die Küche. Und machen Sie es sich bequem.«
Sie nahm den Trenchcoat und den Segeltuchhut. Er betrat das Wohnzimmer. Ein großer Raum unter einem Giebeldach, die Balken handbehauen, die Wandtäfelung aus Kiefer mit Astlöchern. Holzscheite loderten in einem offenen Kamin aus Feldsteinen, flankiert von gut bestückten Bücherregalen. Dave setzte sich in einen Schaukelstuhl am Feuer, in der Hoffnung, seine Füße würden trocknen. Über dem Kamin hing ein großes Gemälde. Er konnte es nicht recht erkennen – eine Art weißes Gerüst, das gespenstisch in einen schwarzen Himmel ragte.
»Was ist das?«, fragte er, als sie hereinkam.
»Das hat Fox gemalt. Erst vor kurzem. Es ist ganz anders als alles, was er sonst gemalt hat. Es heißt ›Die Achterbahn‹. Er will – wollte mir nicht sagen, was es bedeutet. ›Eine Erinnerung‹, hat er gesagt.«
Eine Flasche Brandy wärmte sich am Kamin auf. Christian Brothers. Sie schenkte jeweils einen Schuss in zwei kleine Schwenker ein, reichte ihm einen und ließ sich dann ihm gegenüber mit untergeschlagen Beinen nieder. Zwischen ihnen auf dem Couchtisch funkelte ein Tischfeuerzeug in einer polierten Holzschale. Als er sich eine Zigarette zwischen die Lippen steckte und nach dem Feuerzeug langte, kam sie ihm zuvor und gab ihm Feuer. Ganz automatisch. Gewohnheit. Ohne Bedeutung. Offenbar hatte sie ihrem Mann die Zigaretten angezündet. Komisch, der Typ war sie gar nicht. Kein schüchternes Mäuschen. Überhaupt kein Mäuschen.
»Danke«, sagte er.
Sie lehnte sich zurück und lächelte etwas geschäftsmäßig. »Nun, worum geht es, Mr. Brandstetter?«
»Routine.« Er erwiderte das Lächeln.
»Das haben Sie schon am Telefon gesagt. Was bedeutet das?«
»Dass meine Gesellschaft – jede Versicherungsgesellschaft – solche Fälle von einem Ermittler untersuchen lässt.«
»Solche Fälle?«
»Wenn man die Leiche des Versicherten nicht finden kann.«
»Nicht …« Sie blinzelte. »Aber man wird sie finden. Ganz sicher. Sobald das Unwetter vorbei ist.«
»Vor drei Tagen hat das Unwetter schon einmal nachgelassen«, sagte er. »Der Wagen wurde gefunden …«
»Sie haben sich diesen Wagen angeschaut?«, fragte sie.
»Ja. Heute Vormittag. In der Polizeigarage.«
»Und Sie sind gerade hier heraufgefahren. Sie haben also gesehen, was für eine Kraft das Wasser im Arroyo hat. Wundert es Sie, dass die Leiche von Fox nicht im Wagen war?«
»Nein. Aber sie hätte irgendwo im Arroyo sein müssen.« Der Aschenbecher war ein schwarzes Stück mexikanische Keramik. Sorgfältig streifte Dave seine Asche darin ab. »Zwanzig Mann haben danach gesucht. Polizisten und Sheriffs. Sie haben nichts gefunden, Mrs. Olson.«
»Ich weiß«, antwortete sie leise. »Ich war dabei … Aber am Ende des Canyons ist ein Flutkanal, der das Wasser aus dem Arroyo aufnimmt und unter der Stadt hindurch in den Fluss leitet.«
»Ein Körper, der am Flutkanal ankommt«, sagte er, »würde am Abfanggitter hängen bleiben.«
Ihre Mundwinkel kräuselten sich zu einer Art Lächeln. »Waren Sie in diesem Flutkanal, Mr. Brandstetter?«
»Drinnen?« Er zog eine Augenbraue hoch. »Nein. Und Sie?«
»Schon oft. Ich habe als Kind dort gespielt. Er wurde gebaut, als ich ungefähr zehn war. Früher hat sich der Sturzbach oft seinen eigenen Weg quer durch Pima gebahnt. Immer wenn es ein solches Unwetter gab, wurde fast der ganze Ort weggeschwemmt. Lloyd Chalmers hat den Kanal gebaut. Es war sein erster großer Auftrag. Er hatte damals gerade mit seiner Baufirma angefangen. Er war kaum älter als zwanzig. Heute ist er Bürgermeister, in seiner vierten Amtszeit. Mein Mann kandidiert gegen ihn. Kandidierte.«
»Ich weiß.« Die Plakate hingen überall in Pima, knallrot und orange, wellig vom Regen. CHALMERS … WACHSTUM. Ein raubeiniger Mann mit weißer Mähne. OLSON … REDLICHKEIT. Ein lachender Mann mit schütterem blondem Haar. »Ich hab die Plakate gesehen. Sie wollten mir gerade etwas über den Kanal erzählen.«
»Wie gesagt, wir haben als Kinder darin gespielt. Ein riesiger Schacht, dunkel und kühl. Und im Sommer natürlich trocken und völlig ungefährlich. Aber es gibt kein Gitter, Mr. Brandstetter. Es ist einfach ein Tunnel aus Beton. Sicher, nach oben gibt es Gitter, zur Straße hin. Aber Quergitter würden nur die Wirkung zunichte machen. Sie wären in kürzester Zeit mit allem Möglichen verstopft.«
Dave nickte. »Äste, Gestrüpp – das stimmt. Aber genau solches Zeug hätte den Körper Ihres Mannes schon im Arroyo selbst festhalten müssen. Irgendwo auf den vier oder fünf Meilen zwischen der Brücke und der Ortschaft.« Er trank seinen Brandy aus. »Die Polizei ist derselben Ansicht. Ein menschlicher Körper ist schwer, plump, sperrig. Ein toter Körper. Mit Kleidern, die überall hängen bleiben können. Er hätte im Bachbett sein müssen.«
»Hätte.« Sie stand auf, um die Brandyflasche zu holen. »Was bedeutet, dass Fox …« Aber sie brachte es nicht heraus. Stand mit dem Rücken zu ihm da, steif und aufrecht, etwa eine Minute lang. Dann drehte sie sich abrupt um und sagte mit rauer Stimme: »Sein Körper ist durch den Flutkanal in den Fluss geschwemmt worden. Was denn sonst. Und nach dem Unwetter wird man ihn finden, wenn der Wasserspiegel sinkt. Natürlich wird man ihn finden.« Sie schenkte noch etwas Brandy in sein Glas und in ihres. Ihre Hand zitterte.
»Möglich«, sagte er. »Aber meine Firma ist anderer Ansicht.«
»Was, um alles in der Welt, glaubt sie denn?«
»Sie weiß nicht, was sie glauben soll – so lange, bis ich fertig bin.«
Mit einem Klirren setzte sie die Flasche wieder am Kamin ab. »Und wann wird das sein?«
»Nachdem ich eine Menge Fragen gestellt habe.«
»Captain Herrera hat eine ganze Menge Fragen gestellt. Könnten Sie nicht …«
»Ich hab mit Captain Herrera gesprochen.«
»Ich war ehrlich zu ihm.« Ihr gelang ein trockenes Lächeln; auch ihre Stimme hatte sie wieder unter Kontrolle. Aber als sie sich diesmal setzte, ließ sie die Füße auf dem Boden. »Fox war nicht ganz nüchtern. Er war auf dem Weg zu KPIM, wo er noch ein paar Werbespots aufnehmen sollte. Er hat das gehasst, hat es immer vor sich her geschoben. Deshalb ist er auch erst so spät losgefahren. Aber … er war auch in diesem Canyon schon weniger nüchtern unterwegs. Zum Beispiel, als mein Vater krank war und bei uns gewohnt hat und wir spät von einer Party heimgekommen sind, da hat Fox noch die Krankenschwester heimgefahren und sich am nächsten Morgen nicht mal mehr daran erinnert.«
Dave unterbrach sie. »Ich wollte Sie nicht fragen, ob er betrunken war.«
»Nicht?« Sie runzelte die Stirn und neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Dann glauben Sie vielleicht, er hat Selbstmord begangen? Sie werden mich jetzt bestimmt fragen, ob er Geldsorgen hatte.«
»Hatte er nicht. Ich habe mich bei der Bank erkundigt.«
»Also dann seine Gesundheit. Hat er mir von furchtbaren Schmerzen erzählt, die ihn manchmal …« Sie brach ab. »Was haben Sie?«
In aller Deutlichkeit sah er wieder Rods Gesicht vor sich, kalkweiß, die Augen voller Angst, so wie er es im hell glänzenden Badezimmer gesehen hatte, in jener ersten Nacht am Anfang der schrecklichen Monate, die mit Rods Tod durch Darmkrebs endeten.
»Entschuldigen Sie.« Er stand rasch auf, tränenblind, und ging durch den großen Raum, starrte durch die gläsernen Türen auf die gepflasterte Terrasse, auf das Moos, die Felssteine, die traurig herabhängenden Farne, die Regentropfen im dunklen Seerosenteich. Dann sagte er aufgebracht: »Nein, ich werde Ihnen keine derartigen Fragen stellen. Weil ich nicht glaube, dass Ihr Mann einen Unfall hatte, Mrs. Olson. Ich glaube nicht, dass er Selbstmord begangen hat. Ich glaube nicht einmal …« Er drehte sich zu ihr um. »Ich glaube nicht einmal, dass er tot ist.«
Sie war aufgestanden und schaute ihm in die Augen. Langsam öffnete sich ihr Mund. Sie sah so aus, wie Leute ihres Alters – seines Alters – nicht aussehen möchten, wenn sie morgens in den Badezimmerspiegel sehen. »Was haben Sie da gesagt?«
»Ich glaube, er hat an diesem Gefälle vor der Brücke in seinem weißen Thunderbird den Leerlauf eingelegt, ist ausgestiegen, hat von außen die Handbremse gelöst und zugeschaut, wie der Wagen durch das Geländer gebrochen und in den Arroyo gestürzt ist, und sich dann auf nimmer Wiedersehen davongemacht.«
»Aber warum? Warum sollte er so etwas tun?«
Dave hob die Schultern. »Um das herauszufinden, bin ich hier.«
»Aber – das ist verrückt! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!« Sie war kurz davor, ihn auszulachen. »Glauben Sie wirklich, nur weil man den Körper des armen Fox nicht gefunden hat, dass er, er und ich …« Mühsam suchte sie nach den richtigen Worten. »Dass wir irgendeinen Plan … à la James M. Cain ausgeheckt hätten, um seine Lebensversicherung zu kassieren?«
»Das wäre eine Erklärung«, sagte Dave. »Hunderttausend Dollar sind eine Menge Geld, Mrs. Olson.«
Ihr Lächeln verschwand. »Nicht genug. Wenn Fox noch leben würde, dann wäre er hier, Mr. Brandstetter. Und ich werde Ihnen zeigen, warum.« Sie kam auf ihn zu, den Mund wutverzerrt, und blickte ihm geradewegs in die Augen. Dann schob sie die Glastür zur Terrasse auf. Kalte feuchte Luft drang herein. Sie nickte und er trat hinaus. Sie folgte ihm und schloss die Tür hinter sich. »Bitte kommen Sie mit. Wir werden diesen Unsinn aus der Welt schaffen, jetzt gleich.«
Unter einem vorstehenden Dach führte ein vom Regen geschützter Weg um die Terrasse. Dann waren sie draußen im Regen, stiegen plattenbelegte Stufen hinauf, vorbei an steingerahmten Blumenbeeten unter japanischem Ahorn. Gefallenes Laub blieb an seinen Schuhen kleben. Wieder im Trockenen, diesmal unter dem überhängenden Dach einer windschiefen Cabana, kamen sie am Swimmingpool vorbei, in dem sanft der Regen rauschte. Am anderen Ende des Schwimmbeckens verbarg eine hohe Bambushecke teilweise einen zweistöckigen Doppelgaragenbau. Sie gingen die Außentreppe empor. Die Tür am oberen Ende der Treppe war nicht abgeschlossen. Mrs. Olson riss sie auf.
Von drinnen hörte er die Stimme von Fox Olson singen.

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Autor/Bibliografie

Joseph Hansen, 1923 geboren, gestand sich als Teenager ein, dass er Männer liebte, heiratete mit 20 Jane Bancroft, die bis heute seine Gefährtin ist, und wurde im selben Jahr Vater und erstmals verlegt. Seiner Autobiografie zufolge prägten ihn schon als Kind die Schriftsteller Carl Sandburg, Mark Twain und später Walt Whitman. In den 40ern und 50ern schlug sich Hansen als Buchhändler, Maler, Folkmusiker, Lexikonvertreter und Sekretär durch, in den 60ern steckte er in Vorreiterprojekten selbstbewusst schwuler Presse, veröffentlichte Gedichte und konnte unter dem Pseudonym James Colton erste Romane lancieren. 1967 entstand mit Fadeout der erste Brandstetter, 1970 bei Harper verlegt, was Hansen den Durchbruch als Schriftsteller brachte.
Der Verfasser von knapp 30 Romanen, Dutzenden von Storys und zahllosen Gedichten lebt heute mit seiner Gefährtin in einer kleinen Kate nahe Los Angeles.


Editorische Notiz

Mit dieser Ausgabe von Fadeout beginnen wir das Projekt der Edition von Joseph Hansens Kriminalromanen. In chronologischer Folge wollen wir alle Dave Brandstetter-Krimis neu herausbringen, wobei die acht Bände, die früher schon auf Deutsch erschienen sind, liebevoll und gründlich überarbeitet und die fehlenden Romane übersetzt werden. Ermöglicht hat diese Edition im Grunde unser innig verehrter Autor Michael Nava, der seinem Freund Joseph Hansen nahe legte, zu uns zu kommen.
Die Rechte für dieses Projekt zu erhalten war ein fast berauschendes Gefühl. So würde sich wohl ein feines, aber kleines unabhängiges Plattenlabel fühlen, wenn es die Ehre hätte, das Gesamtwerk David Bowies herauszubringen, nachdem dies jahrelang vergriffen war.
Denn: Joseph Hansen ist der Vorreiter der schwulen Kriminalliteratur (und auch Vorbild für viele Hetero-Krimis, in denen Versicherungsdetektive eine Rolle spielen). Seine grandiose Eleganz, das zeitlos hohe Niveau der Romane und seine eigenwillige, prägnante Kultiviertheit wirft leichthändig kriminalliterarische Schlaglichter auf Epochen einer Zeit, in der es gegenkulturelle Krimis nicht gab.
Die Fälle des distinguierten, illusionslosen, ja deprimierten, doch immer würdevollen Versicherungsdetektivs Dave Brandstetter führen uns in den ersten Brandstetter-Krimis durch die Vor- und Frühgeschichte heutiger schwuler Identität. »Besprechungen der Brandstetter-Krimis neigen dazu, potentiellen Lesern zu versichern, dass die Homosexualität weder aufdringlich noch irgendwie wesentlich für die Handlung sei. Diese Sorte Meinung sagt mehr über den jeweiligen Kritiker als über die Bücher; sie entspringt wahrscheinlich dem Wunsch sicherzustellen, dass Homosexualität nicht thematisiert oder zumindest ›geschmackvoll‹ präsentiert werde. Aber die Unterstellung, Homosexualität sei nicht wesentlich für den Plot und die Handlung jedes einzelnen Buches, ist Unsinn. Homosexualität ist ein zentraler Beweggrund, dass sie geschrieben wurden. Indem er die Form des Krimis mit seiner konservativen Botschaft gewählt hat, dass Gut über Böse und Ordnung über Chaos triumphiert, gelingt es Hansen, dem Thema das Ungewohnte zu nehmen, das auf starke Ablehnung stoßen würde, wenn es weniger feinsinnig präsentiert würde«, schreiben Baker und Netzel 1985 in ihrem Krimi-Lexikon 101 Knights, einem Who-is-Who der weltweit bedeutendsten Krimi-Autoren und ihrer Ermittler.

Hansen, Verfasser von knapp dreißig Romanen, Dutzenden von Storys und zahllosen Gedichten, wurde 1923 geboren. Er gestand sich als Teenager ein, dass er Männer liebte, heiratete mit zwanzig Jane Bancroft, die bis heute seine Gefährtin ist, und wurde im selben Jahr Vater und erstmals verlegt. Seiner Autobiografie zufolge prägten ihn schon als Kind die Schriftsteller Carl Sandburg, Mark Twain und später Walt Whitman. In den 40ern und 50ern schlug sich Hansen als Buchhändler, Maler, Folkmusiker, Lexikonvertreter und Sekretär durch, in den 60ern steckte er in Vorreiterprojekten selbstbewusst schwuler Presse, veröffentlichte Gedichte und konnte unter dem Pseudonym James Colton erste Romane lancieren.
1967 schrieb er mit Fadeout den ersten Dave Brandstetter-Krimi. Fadeout wurde 1970 beim großen Verlagshaus Harper publiziert, was Hansen den Durchbruch als Schriftsteller brachte. Anders als heute, wo ein hervorragender Roman mit einem Verbrechens-Plot schamlos als guter Krimi bezeichnet werden kann (wiewohl es fraglos noch immer oh so viel mehr schlechte oder einfach durchschnittliche Krimis gibt), galt damals schon die Form (Ermittler deckt Verbrechen auf) als sicheres Anzeichen für Trivialität und Kurzlebigkeit. Kaum einem Genre-Schriftsteller gelang der Durchbruch zum Prädikat zeitlos gute Literatur. Joseph Hansen schaffte ihn – und das mit einem offen schwulen Seriendetektiv.
Dieser so unwahrscheinliche doppelte Erfolg lässt sich aus heutiger Sicht besser würdigen, da die »Nische« Literatur um homosexuelle Themen nicht mehr ganz so zersplittert zwischen den Extremen marginal-genialer Dichtung à la James Baldwin und anrüchiger Heftchenkultur für Andersartige festsitzt. Es sind Schriftsteller wie Hansen und Nava, die den Mainstream gelehrt haben, schwule Belletristik nicht pauschal als Randgruppenlektüre abzutun. Nicht zufällig erschienen acht von Hansens Brandstetter-Krimis in den 80er Jahren in einer der größten deutschen Mainstream-Krimireihen.
Allerdings scheint es, als habe dabei ein wenig der Respekt vor dem Literaten Joseph Hansen gefehlt, denn in der alten Ausgabe von Fadeout fehlten etliche Sätze und ganze Szenen – aufmerksame LeserInnen können sich denken, welche das waren – und über weite Strecken war der Text mehr eine freie Nacherzählung als eine Übertragung von einer Sprache in die andere. Robert Schekulin, ein Hansen-Fan der ersten Stunde, glich für die Pink Plot-Edition Satz für Satz mit dem Originaltext ab und förderte wie bei einer Ausgrabung den Kriminalroman zu Tage, den Joseph Hansen tatsächlich schrieb.

In Fadeout begegnet uns Dave Brandstetter an einem Wendpunkt seines Lebens. Sein Geliebter für Jahrzehnte ist an Krebs gestorben und Brandstetter stürzt sich in die Arbeit, um zu vergessen. Nur spült der Fall, der angebliche Tod des Radio-Stars Fox Olsen, all die Gefühle wieder hoch, die Brandstetter zu verdrängen sucht. Hansen schreibt in seiner Autobiografie, dass Fadeout auch für ihn ein Wendepunkt war. Zuvor hatte er mit Todd einen Roman über einen Pianisten geschrieben, der – aus Angst vor Diskriminierung – auf seine Karriere verzichtet und in Schwulenbars klimpert: »Ich hatte Panik. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wie ich den Plot für Fadeout zusammengezimmert hatte. Ich war mir sicher, dass ich so etwas nicht noch einmal schaffen würde. Ich versuchte ein weiteres Ausweichmanöver und startete eine Radiosendung mit dem Namen ›Homosexualität heute‹, die den meist linksliberalen alten Betreibern des Radiosenders die Augen übergehen ließ und ihre Toleranz überstrapazierte. Dann kam die Veröffentlichung von Fadeout, es gab gute Besprechungen, und ich fühlte mich besser.« So begann Hansen mit seiner Brandstetter-Serie, die bis 1991 auf zwölf Bände anwachsen sollte.

Joseph Hansen zu verlegen fühlt sich an wie der Beweis, dass der schwule Krimi erwachsen geworden ist. »Erwachsen« in dem Sinn, dass eine offen schwule Suspense-Literatur nun auf eine eigene, große Tradition verweisen kann. »Erwachsen« auch, weil in unserer Pink Plot-Edition mit ihm nun mehrere Generationen von schwulen Schriftstellern nebeneinander stehen. Und »erwachsen«, weil es Joseph Hansen schon in den 70er Jahren gelungen ist, in die Spitzenriege der Kriminalliteratur vorzustoßen – zu einer Zeit, als die Trennung zwischen »Genre« und »echter Literatur« von Päpsten und ihren Soldaten noch eisern überwacht wurde. Lediglich einigen wenigen Auserwählten (wie Dashiel Hammett oder Raymond Chandler) wurde zugebilligt, diese Grenze überschritten zu haben.
Tjark Kunstreich und Else Laudan


Die Dave Brandstetter-Serie im Original

Fadeout (erstmals erschienen 1970)
Death Claims (1973)
Troublemaker (1975)
The Man Everybody Was Afraid Of (1978)
Skinflick (1979)
Gravedigger (1982)
Nightwork (1984)
The Little Dog Laughed (1986)
Early Graves (1987)
Obedience (1988)
The Boy Who Was Buried This Morning (1990)
A Country Of Old Men: The Last Dave Brandstetter Mystery (1991)




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