Frankfurt am Main
Lili Hahn
Bis alles in Scherben fällt
Tagebuchblätter 1933–45
Literaturbibliothek
Hardcover
ISBN 3-88619-467-4
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)
Dem Vergessen entrissen:

Das Tagebuch der Lili Hahn 1933–45

Lili Hahn, 1914 in Frankfurt am Main geboren, erhält als junge Journalistin 1936 totales Berufsverbot. Bis Kriegsende arbeitet die Tochter aus katholisch-bürgerlichem Hause als medizinische Laborantin und Sekretärin. In ihrem Tagebuch notiert sie Veränderungen, Ereignisse, Erfahrungen, Gespräche. Sie beschreibt, was sie erlebt, dabei entsteht mosaikartig ein dichtes Zeitgemälde des Dritten Reiches. Lilis Vater, angesehener Arzt mit Verdiensten in der Tuberkuloseforschung, klammert sich wie viele Deutsche an die Hoffnung, dass unbescholtenen Bürgern nichts Böses droht. Lilis Mutter, der Herkunft nach Jüdin, aber dem Glauben nach glühende Christin, hält sich für immun gegen die Judenverfolgung. Lili aber sieht das Unheil kommen, denn mehr und mehr ihrer Freunde werden kaltgestellt, inhaftiert, deportiert. Dann stehen die Zeichen auf Krieg, und die Repressalien nehmen weiter zu …

In den Tagebuchblättern der Lili Hahn wird die Nazizeit aus Sicht einer
jungen Journalistin in Frankfurt lebendig. Ein authentisches Zeitdokument, packend wie ein Roman, wahrhaftig wie eine gute Reportage, eindringlich
wie gelebtes Leben.

Leseprobe

Vorwort

»Bis alles in Scherben fällt« sind Auszüge aus meinem Tagebuch, ein Tagebuch, das zu führen ich längst vor dem Dritten Reich begann und das schließlich mein einziger und letzter Vertrauter in einer Zeit der Vereinsamung wurde. Nicht veröffentlicht sind alle Eintragungen sehr persönlicher Natur und Dinge, die für den Leser von keinerlei Interesse sind. Die Personen, die in diesen Blättern erscheinen, sind unverfälscht und echt. Von einigen musste ich die Namen ändern, da sie noch am Leben sein mögen oder Verwandte haben, denen ich Peinlichkeiten ersparen wollte.
Als das Dritte Reich ausbrach, war ich neunzehn Jahre alt, jung und formungsfähig. Ich gehörte zu jener Generation, für die der Erste Weltkrieg geführt wurde – um ihr eine bessere Zukunft und einen dauerhaften Frieden zu sichern. Als das Tausendjährige Reich und der Zweite Weltkrieg – der ebenfalls für eine bessere Zukunft und einen dauerhaften Frieden geführt wurde – zu Ende waren, war ich einunddreißig. In den Ruinen, der Asche und dem Schutt lag meine Jugend begraben, all meine Träume und meine Gesundheit. Einige Leute behaupten nun, ich sei zynisch – falls es zynisch ist, aus Erfahrungen zu lernen und für neue Eindrücke offen zu sein. Die Lehre, die mir im Dritten Reich zuteil wurde, war, skeptisch zu sein; skeptisch gegenüber dem, was in den Zeitungen steht; skeptisch gegenüber den Versprechungen von Politikern; skeptisch gegenüber allem, was eine Regierung ihrem Volk erzählt.
Entgegen dem Märchen, dass Waffen den Frieden garan­tieren, habe ich gelernt zu begreifen, dass, solange es Soldaten und Waffen gibt, Kriege sein werden.
Ich habe außerdem gelernt, dass Korruption und moralischer Verfall einer Nation nicht vom Grunde aufsteigt und den Gipfel einhüllt, sondern dass es den umgekehrten Weg geht. Der moralische und ethische Zerfall sickert von der Spitze zum Boden wie ein giftiges Gas und betäubt die Massen. Da die Bevölkerung mehr oder weniger das Produkt ihrer Regierung ist, verloren die Deutschen völlig die Achtung für Menschenleben. Es wurde ihnen beigebracht, dass Juden, Polen, Zigeuner und Kommunisten Untermenschen sind und dass es absolut richtig ist, diese zu misshandeln und umzubringen. Diese Einstellung führte zu der Schlussfolgerung, dass ein Menschenleben nicht zählt. Das Volk wurde einfach brutaler und zügelloser – die Erbschaft eines jeden Krieges.
Jedoch – ich will nicht jene Deutschen vergessen, deren Abstammung und politische Vergangenheit völlig intakt waren, die aber genauso verfolgt wurden wie die Juden, denn sie ließen ihr Gewissen sprechen. Nicht alle diese Deutschen wurden erfasst und nur wenige von denen, die für ihre Überzeugung starben, wurden berühmt wie die Geschwister Scholl, Bürgermeister Gördeler, Graf Stauffenberg und wie sie alle hießen. In meiner Erinnerung aber leben sie fort. Und sie lehrten mich, dass keine Nation nur gut oder nur schlecht ist.

I. Prolog

31. Januar 1933

Der 30. Januar begann wie jeder gewöhnliche Tag. Am Nachmittag fuhr ich zur Redaktion, und ungefähr eine Stunde nachdem ich dort war, hörten wir von der Straße das Ausrufen von Extra-Blättern, konnten aber nicht verstehen, was da unten geschrien wurde. Hoffmann, der gerade da war, rannte davon und kam atemlos mit einem Blatt zurück: »Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.« Hindenburg hatte unter dem Druck der Verhältnisse nachgeben müssen, da die Nazis die stärkste Partei darstellten.
Was sich dann innerhalb der nächsten Stunden abspielte, übersteigt alle Phantasie. Natürlich war unser einziges Telefon dauernd belegt. Wenn Langer nicht mit irgendeinem Nachrichtendienst sprach, riefen Leser an und führende Leute der Deutschnationalen Partei. Einige unserer Mitarbeiter erschienen sporadisch, schrieben rasch ein paar Situations- oder Stimmungsbilder und liefen wieder davon. In unserer sonst so stillen kleinen Redaktion ging es einfach chaotisch zu.
Und dann sahen wir in der Nachbarschaft die ersten Fahnen in den Fenstern erscheinen, kleine und große, Hakenkreuzfahnen und schwarz-weiß-rote. – Während einer Atempause ging ich hinunter, die wenigen Schritte zur Mainzer Landstraße. Wohin das Auge fiel, hingen Fahnen aus den Fenstern. Alles schien auf den Beinen zu sein. Überall sah man kleine Gruppen von SA-Leuten zusammenstehen mit Männern in Zivil. Lastwagen, in denen singende, rufende SA-Leute standen, rumpelten der Stadt zu, die Hakenkreuzfahnen im Fahrtwind wehend, als ob sie winkten.
Langer entschloss sich, eine dünne Zwischenausgabe herauszuwerfen mit den wichtigsten Meldungen, die dann für die richtige Ausgabe mehr detailliert wurden. – Von der Straße ertönte mehr Singen und Rufen herauf. Der Nachmittag verflog im Handumdrehen und die Drucker kamen mit mürrischen Gesichtern. Sie sind eingefleischte Kommunisten.
Es war lange nach Mitternacht, als ich die Redaktion verließ. Trotz der späten Stunde schien niemand zu schlafen. Die Straßenbahn war besetzt wie am Tage: Vom Bahnhof an bis zur Hauptwache, die Zeil entlang war ein riesiger Fackelzug, der sich singend im Gleichschritt durch die Straßen bewegte. Der nachtschwarze Himmel war in rötlichen Rauch getaucht. Menschenmassen standen dicht gedrängt auf den Trottoirs, gestikulierend, rufend, winkend, die Marschierenden anfeuernd. Wo kein Fackelzug war, liefen die ordentlichen Frankfurter Bürger kreuz und quer über die Fahrbahn. Die Pausen zwischen den Marschliedern wurden mit »Sieg Heil«-Rufen gefüllt. Was da alles marschierte, war die braun gekleidete SA, die SS in schwarzen Uniformen und Parteimitglieder in Zivil. Die Straßenbahn kam nur im Schneckentempo voran, bis wir das Stadtzentrum verließen.
Nun bin ich zu Hause, aber viel zu aufgewirbelt, um zu schlafen. In meinen Ohren hallt noch immer der Schritt tausender genagelter Schaftstiefel auf dem Asphalt als Kontrapunkt zu den Liedern rauer Männerstimmen, und selbst in unserem stillen Villenviertel hört man ein gelegentliches »Sieg Heil!« – Und das ist es, was zu dieser Stunde in allen großen und kleinen Städten Deutschlands geschieht.

(…)

1. November 1934

Bei der Volksabstimmung am 19. August, bei der das Volk – wie üblich nachträglich – befragt wurde, ob es mit der Zusammenlegung der Position von Reichspräsident und Reichskanzler einverstanden sei, war die Antwort mit 90 % ja, mit 10 % nein. Das kränkte aber unseren Führer, denn er wollte sie alle haben; das ganze deutsche Volk sollte hundert Prozent hinter ihm stehen. So erließ er einen Appell an die Partei, dass sie auch diese zehn Prozent zu gewinnen und zu überzeugen hat.
Steuersenkungen, Steuerfreiheiten, Wohnungsbau, Gehaltsangleichungen – alles wird getan, um auch den letzten Opponenten zu gewinnen. Jedoch was mich unsicher macht, sind alle die »Schlachten«, die die Nazis schlagen. Da begann am 7. Oktober die »Schlacht gegen Rohstoffverschwendung«. Angeblich werden jährlich in 17 Millionen Haushaltungen zwei Millionen Zentner Fett mit dem Spülwasser weggegossen. Die Motivierung für größere Sparsamkeit in dieser Beziehung ist: Deutschland ist auf sich selbst angewiesen und kann sich daher keine Verschwendung leisten. Diese Haltung fand ich verständlich und in keiner Weise alarmierend. Jedoch am 23. Oktober hieß es: »Nach der Fettschlacht die Rohmaterialschlacht!« Bronze soll durch Gusseisen, Kupfer durch Aluminium ersetzt werden. – Zutiefst beunruhigt fragte ich Karl nach seiner Meinung.
Er sah mich einige Augenblicke schweigend an, bevor er antwortete: »Erinnerst du dich nicht der Wahlplakate? ›Hitler bedeutet Krieg‹. Das sind die ersten Vorbereitungen.«

(…)

29. Juni 1936

Meine Arbeit bei Pfarrer Walde ist abgeschlossen. Auch für die verkalkten Wasserrohre sind alle Briefe geschrieben.
Seit einer Woche arbeite ich nun vormittags für Vater, der mir seine Gutachten für die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte diktiert und Briefe an andere Wissenschaftler oder die IG-Farben, die anfängt, sich für seine Tuberkuloseforschung zu interessieren.
Nach Vaters Urlaub, Ende August, werde ich im Bürgerhospital im Laboratorium ausgebildet werden, und wenn ich dann noch den Führerschein gemacht habe, plane ich, mich nach einer Stelle als Sprechstundenhilfe umzusehen.

4. Juli 1936

Ich saß vor meinem Schreibtisch und sah mir einige Zeitungsausschnitte an, die ich mir unter den Briefbeschwerer gelegt hatte. Es handelte sich um Berichte und Notizen, die mich besonders interessierten. Der Ausspruch des Preußischen Innenministers Dr. Frick tat es mir an: »Nachdem durch die Bestimmung der Hakenkreuzflagge zur alleinigen Reichs- und Nationalflagge die Einheit und Geschlossenheit des deutschen Volkes ihren sinnfälligen Ausdruck gefunden hat, muss erwartet werden, dass auch von Privatpersonen bei feierlichen Anlässen ausschließlich die Hakenkreuzfahne gezeigt wird« etc. etc.
Einer aus dem Gefängnis übriggebliebenen Angewohnheit folgend, stand ich auf und fing an, eine Acht durchs Zimmer zu laufen. Meine Gedanken befassten sich zuerst mit der verhassten Fahne. Wie viele Deutsche würden nun überhaupt nichts mehr heraushängen und damit sofort als Gegner des Systems auffallen? Dieser Fahnenkult hat eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem Geßlerhut. So wie die Schweizer einem leeren Hut Ehrerbietung erweisen mussten, so fordert man nun von den Deutschen, ein Stück Stoff mit Ehrfurcht zu grüßen. – Meine Acht fiel etwas schief aus, da ich um den Tisch gehen musste. Unbewusst blieb ich einen Moment stehen. War da nicht, erinnerte ich mich vage, vor einiger Zeit eine Notiz in der F. Z., wonach im Amtsgericht Brühl drei Frauen zu einer Geldstrafe von zehn Mark verurteilt wurden, weil sie in einem geschlossenen Zug eine HJ-Fahne nicht gegrüßt hatten? Was ist es nur, das so viele Menschen veranlasst, einem Gegenstand mit solchem Gefühlsaufwand zu huldigen – sei es nun ein alter Hut oder ein Stofffetzen? Vielleicht ist es ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, ein primitiver Kult, als Symbole übernatürliche Kräfte verkörperten und blinde Anbetung erzwangen. Nun erleben wir die Wiederauferstehung der blinden Anbetung.
Im Grunde hat Hitler daher recht, wenn er uns Intellektuelle hasst, gegen die es nur eine Waffe gibt – die Unschädlichmachung. Denn solange wir leben und atmen, werden wir diesen Hass erwidern … jedoch das Schlimmste ist, dass wir uns obendrein noch lustig machen – eine Todsünde, wenn es sich um eine hohe Persönlichkeit der Regierung handelt, eine Sünde, die der Gotteslästerung nahe kommt. Anscheinend ist es jedoch ein internationales Privileg der Primitiven, Unkultivierten, Menschen mit Verstand und Kultur mit Hass zu verfolgen und sie verächtlich zu machen.
Der Bogen meiner Acht führte mich zum Schreibtisch zurück, und mein Blick fiel auf die kurze Meldung, die sich mit dem »Zigeuner­unwesen« befasste. Schemenhaft tauchte für einen Moment die Gestalt der Zigeunerin Korpatsch in ihrer Zelle vor mir auf. Wenn es nach Hitler ginge, dachte ich, würde er ganz Deutschland in ein riesiges Gefängnis verwandeln. Ich sah diesen kleinen Spießer vor mir, dessen Person mir von Tausenden von Abbildungen her bekannt ist und der – gleichgültig wie er gekleidet ist – stets der mittelmäßige kleine Spießer bleibt. Ich verstand auf einmal, dass er die Zigeuner überwachen lassen will. Denn alles, was sich nicht ganz einfach in seine Schablone einfügen lässt, ist verdächtig. Ob das nun Zigeuner sind, die keinen festen Wohnsitz haben, sondern frei wie die Vögel im Himmel über die Erde wandern, oder Menschen, die denken können und deren Gedanken mit den Wolken über von Bürokraten errichtete Grenzen hinwegfliegen. Ich dachte an Sjöderbloom und was er über all die kleinen Hitlers gesagt hatte. Ja, dieses Volk bestand nur noch aus Millionen kleiner Hitlers, die unbarmherzig alle verfolgten, die ihre Begeisterung nicht teilten. Wie recht hat Sjöderbloom, wenn er glaubt, dass Hitler in einem anderen Jahrhundert ein großer Prophet gewesen wäre.
Was Hitler bisher vollbrachte, hätten Brüning und seine Nachfolger auch erreichen können. Jedoch Brüning, von Papen und wie sie alle hießen, sahen Deutschland nur aus der Vogelperspektive; Hitler hingegen betrachtete es aus der Stempelkartenperspektive. Die Satten bedauerten die Hungrigen nur, während Hitler sie organisierte. Aus dem Trümmerfeld von Hunger, Hass und Hoffnungslosigkeit baute er seine Bewegung auf. Geleitet von dem Instinkt der Mittelmäßigkeit vergaß er nie, dass die Verächtlichmachung seiner Gegner, dieser intellektuellen Knechte der Unmoral und des Judentums, eine alt­erprobte Waffe in der Dialektik politischer Taschenspieler war. Wie ein Alchemist braute er aus Nationalismus und Patriotismus, gewürzt mit nordischem Kult, die Vision des Tausendjährigen Reiches zusammen. – Um der neu zu schaffenden Herrenrasse auch einen sozialen Anstrich zu geben, nannte Hitler seine zukünftigen Übermenschen bescheiden ›Volksgenossen‹. Nun steht jeder aufgenordete Gemüsehändler auf einem Piedestal und kann auf andere Rassen hinunterschauen.
Deutschland ist erwacht und eine Führerpest ist ausgebrochen: Jungvolkführer, SA-Führer, Reichsanwalts-Führer und Reichs-Ärzteführer und all die vielen nichtssagenden Hohlköpfe, die nun in ihren Verbänden ›Führer‹ spielen – und für ihre Mitmenschen tödlich gefährlich werden…
Ich unterbrach meine Acht und trat zum Fenster. Mein Blick schweifte über das Grün des in der Sonne liegenden Holzhausenparkes. Ich lehnte mich etwas vor, um auch die Straße sehen zu können, und dabei dachte ich: Wird Deutschland eines Tages eine »­Führer-Dämmerung« erleben?

(…)

1. Januar 1939

Die Kirchenglocken hatten 1939 eingeläutet. Wie jedes Jahr wurden in der Silvesternacht noch einmal die Kerzen an unserem Christbaum angezündet; die Eltern umarmten sich, und Mutter wünschte Gottes Segen für das neue Jahr auf Katherina und mich herab, den ich, nach den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit, schweigend mit gemischten Gefühlen entgegennahm. Nach allgemeinem Zutrinken boten wir einander eine Gute Nacht.
Nun schlafen die Eltern. Katherina ist in die Kirche gegangen, um mit ihrem Gott Zwiesprache zu halten, und während Brandy in seinem Körbchen schnarcht, versuche ich Bilanz zu machen. So sitze ich allein vor meinem Tagebuch, und meine kleine Schreibtischlampe ist das einzige Licht in dem sonst dunklen schweigenden Hause. Nur der Knall eines verspäteten Feuerwerkskörpers unterbricht gelegentlich die Stille der Nacht.
Ist diese grenzenlose Verlassenheit und Einsamkeit alles, was ich vom neuen Jahr erwarten kann? Ist es wirklich schon so weit, dass ich dankbar sein muss, noch meine »Freiheit« zu haben? Freiheit? Schön, wörtlich genommen bin ich nicht hinter Schloss und Riegel, aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Alles, was ich erhoffte und erträumte, zerbrach. Nun bin ich in einem Beruf, der mich zwar beschäftigt, aber nicht ausfüllt, umgeben von einer Familie, die eine für mich fremde Sprache spricht, verbannt von dem Menschen, der mir nahesteht und ähnlich denkt und urteilt wie ich.
Inzwischen habe ich einen längeren Rundgang durch mein Zimmer gemacht, um einige Klarheit in meine Gedanken zu bringen. So vieles, was im letzten Jahr geschah, überfiel mich noch einmal mit erbarmungsloser Realität, und noch einmal begann ich, mit meinem Schicksal zu hadern. Doch dann erkannte ich die Sinnlosigkeit, dem, was nicht mehr zu ändern ist, nachzutrauern; es ist nicht nur unfruchtbar, sondern ändert nichts an der Situation. Schließlich will ich ja nicht in den gleichen Fehler verfallen, den ich Mutter so zum Vorwurf mache. Mutter, die nie vergessen zu können scheint, aus welch illustrem Hause sie stammt, und nicht willens ist zu akzeptieren, dass die Nazis das nicht kümmert, sondern dass sie sie zu der Klasse der Untermenschen rechnen, die auf der Frontseite der Kennkarte ein großes J haben und einen jüdischen Vornamen tragen. So protestiert sie unentwegt. Sie sieht nicht ein, dass sie das Schicksal mit einigen Millionen Leidensgenossen teilt, sondere betrachtet die Nürnberger Gesetze und alles, was mit ihnen zusammenhängt, als ein ganz persönliches Unrecht, das nur ihr widerfahren ist.
Und Vater? Er ist nach wie vor ein aufrechter Mann, der stolz darauf ist, Deutscher zu sein. Wenige Tage bevor die deutschen Truppen in Sudetendeutschland einmarschierten und jeder den Ausbruch des Krieges erwartete, las er mir einen Teil eines Briefes, den er an Wolf schrieb, vor. Er gab seinen Zweifeln Ausdruck, dass im Falle eines Krieges kein Mensch sagen könne, was kommen würde. Er war bereit zu glauben, dass die deutschen Vorbereitungen so glänzend seien, wie die Regierung behauptet, meinte aber, dass trotzdem die Übermacht auf der anderen Seite sei. Er fragte sich, ob die junge Armee das Gleiche leisten würde wie die alte, mit der er 1914 ausgezogen war und die er als das beste Heer bezeichnete, das die Welt je gesehen hatte. Nach allen möglichen Spekulationen endete er: »Trotz allem: Deutschland bleibt Deutschland.«
Ich erinnerte mich, wie er mich erwartungsvoll ansah, und ich nickte und starrte schweigend auf den Teppich.
Seine Augen leuchteten im Widerschein einer glorreichen Vergangenheit. »Du hast das Kaiserreich eben nicht mehr erlebt, mein Kind. Es war eine großartige Zeit!« Vater, der nie viel sprach, geschweige denn sich von Gefühlen hinreißen ließ, verstummte plötzlich, um mich nachdenklich anzublicken. »Du hast von alledem keine Vorstellung mehr …«
»Nein«, hatte ich erwidert, »ich erinnere mich nur der Konsequenzen dieses Kaiserreiches und eines verlorenen Krieges.«
Vater wurde ärgerlich. »Du begreifst nicht, was das Haus Hohenzollern für unser Vaterland bedeutete.«
»Nein, Vati«, bestätigte ich. »Es tut mir ehrlich leid, aber ich begreife es nicht. Ich begreife nur, dass Hitler die logische Folge des letzten Krieges ist, und nun wird er uns in den nächsten treiben, so wie auch er nur ein Getriebener ist.«
»Wie meinst du das?«
»Die Schwerindustrie, respektive die Rüstungsindustrie, treibt ihn an, und er folgt willig in dem Glauben, ein großer Politiker und Feldherr zu sein.«
Vater erhob sich verstimmt, um diese Unterhaltung zu beenden. »Glaubst du nicht, dass es dir etwas an historischen Kenntnissen mangelt?«
»Das ist durchaus möglich«, räumte ich ein und fügte etwas bitter hinzu: »Aber es fehlt mir nicht an der Erkenntnis, dass diese ebenso deutsche wie nationale Politik mein ganzes Leben versaut.«
Ich musste in der Erinnerung den Kopf schütteln. Wie würde ich das nur alles überstehen? Mutters jüdische Kennkarte hatte nichts an der Denkungsweise der Familie geändert. Vater, Mutter und Katherina lebten nach wie vor – jeder für sich – in einer Illusion, ob das nun die Kirche, das Kaiserhaus oder das so hoch angesehene Elternhaus ist. Keiner von ihnen ist bereit, seine schöne Traumwelt zu verlassen, um der Wirklichkeit nüchtern ins Antlitz zu sehen. Ich aber komme mir im Kreise »meiner Lieben« wie ein Außenseiter vor. Trotz meiner Ungeduld mit ihnen tun mir die Eltern leid, denn bis zum gewissen Grade muss ich eine Enttäuschung für sie sein, und ich kann sie nicht einmal davor beschützen, dass auch sie eines Tages der Realität nicht mehr entgehen können.

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