NEUERSCHEINUNGEN                                           Verzeichnis aller lieferbaren Ariadne-Titel nach Autorinnen: A B C D F G H J K L M N O P R S W


Marge Piercy
Menschen im Krieg
Gone to Soldiers

Menschen im Krieg
Roman · Literaturbibliothek
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN 978-3-86754-400-9 · 37 €
Auf die Merkliste
(jederzeit widerrufbar)

Autorin
Leseprobe
Presse

 

Krieg ist nicht das letzte Mittel – es ist keins.

Wie aus der schicken jungen Pariserin Jacqueline eine harte Résistance-Kämpferin wird, was ein Fehler Matrosen der Handelsmarine kosten kann, warum eine erfolg­reiche Romanzenautorin als Kriegs­berichterstatterin an die Front geht, wie ein Student im Südpazifik zum Fatalisten wird, was den Künstler Jeff zum Agenten macht, wie die Seeschlacht-Decodierer in Washington versehentlich einen japanischen Treffer feiern, was eine Doktorandin beim Geheimdienst sucht und ühnen Pilotin mausert …

Mitreißend erzählt Marge Piercy von Leben und Tod, von Wünschen, Verlusten und Veränderungen. Ein internationaler Bestseller über den Zweiten Weltkrieg, aber nicht aus Sicht einer Nation erzählt, sondern als Einblick in Leben und Kriegs­alltag an vielen Orten der Welt. Der Roman nimmt den Faden 1940 auf und führt ihn anhand der Schicksale von zehn Menschen bis 1945. Sieben von ihnen sind jüdischer Herkunft. Die Figuren sind ­fiktiv, doch jeder geschilderte Vorfall hat am angegebenen Ort und zur angegebenen Zeit stattgefunden. Ein Klassiker der Weltliteratur.


Presse:

»Dieses Buch von Marge Piercey ist und war eines jener Wunder, mit denen ein kleiner Verlag all die Branchenriesen beschämt und uns Leser reich beschenkt. Welch eine Kraftanstrengung, welch eine verlegerische Vorbildtat war und ist jener tausend Seiten starke Meilenstein der Literatur vom Krieg, der 1995 im Argument Verlag erschien und nun gerade in der Argumente- Ariadne-Literaturbibliothek wieder aufgelegt wird. Elf Jahre recherchierte und schrieb die 1936 in Detroit geborene Feministin an diesem Roman, las ungeheure Mengen an Primärliteratur gegen den Strich, durchforstete Memoiren, Biographien und Berichte von Regierungsmitgliedern, Angehörigen von Geheimdienst- und Spezialeinheiten (OSS und SOE), KZ-Überlebenden, amerikanischen Generalen und Möchtegerngeneralen, von Marineinfanterie und ihren Einsätzen, dem Krieg im Pazifik und an der Westfront, forschte über die Résistance, die Rassenunruhen in Detroit, die Dechiffrierdienste in Washington, auf Hawaii und in England, über wagemutige Pilotinnen und Frauen im Widerstand. Eigentlich sollte auch Russland eine Rolle spielen, angesichts der sich abzeichnenden Monumentalität ihres Werks entschied sich die Autorin letztlich dagegen. Seit 1962 mit einem Computerwissenschaftler verheiratet, setzte sie das noch neue Arbeitsmittel Computer ein und legte eine Datenbank an, die dann achtmal umfangreich wurde als das Buch. Marge Piercy dazu: "Dieser Roman ist ein Werk der Phantasie, aber es war mein Bestreben, dass darin nichts geschieht, was zu der Zeit und an dem Ort nicht wirklich geschehen ist." So sind es keine Kunstfiguren, keine nur vage skizzierten Orte, Ereignisse und Konflikte, zu denen Marge Piercey uns in ihrem immer wieder atemberaubenden Panorama führt. Der Krieg aus der Sicht der Frauen – nein, der Menschen, wie der deutsche Titel zu Fug behauptet. Alltag und Sexualität, die kleinen und die großen Ängste und Hoffnungen, das ganze Humanum einer die Menschlichkeit bedrohenden Zeit haben Platz in diesem großen Buch. Ja, es hat viele Seiten (703 im 1987 erschienenen Original, 1000 in der Übersetzung von Heidi Zerning), aber so hat man noch nicht über Krieg und Widerstand gelesen.« Alf Mayer, zuerst erschienen auf Culturmag (17-05-2014)

»Bis ins Detail authentisch … Ein ­Geschichtsbuch und ein spannender Roman.« Südwestfunk

»Das macht die Originalität aus: die dauernde Veränderung der Fallhöhe zwischen den Elementarzuständen – Jude zu sein, Ameri­kaner zu sein, durch Pearl Harbor 1941 plötzlich vom Krieg betroffen zu sein – und der fest umgrenzten Privatwelt. Einmal ist der Krieg unendlich weit weg, dann plötzlich schneidet er messerscharf ins Denken, Handeln und Erleiden hinein. Die deutsche Übersetzerin Heidi Zerning erschließt diese wundersame, facettenreiche Insellandschaft mit überlegenem sprachlichem Zugriff.« Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Mit einem weiten Herzen geschrieben, ­voller wirklicher Menschen, komplex und widersprüchlich ist dieses Buch ein unverzicht­barer Akt des Sich-Erinnerns, ­Loslassens und Heilens.« New Statesman

»Die Langeweile, das Durcheinander, die Angst, der Dreck, die Läuse: Immer wieder staunt der Leser, dass eine Autorin das große Sterben so lebensnah beschreiben kann.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Was für ein Wagnis! Über den Zweiten Weltkrieg so zu schreiben, mit diesem langen epischen Atem, mit dem einst Leo Tolstoi von den Napoleonischen Kriegen erzählte oder Margaret Mitchell vom Sezessionskrieg. Über drei Kontinente spannt sich das Handlungsgeflecht dieses großartigen Romans. Am Ende steht ein großer Wurf, ein Meisterwerk über Menschen im Krieg. Das Wagnis hat sich gelohnt.« Stefan Volk in Bücher

»Einer der faszinierendsten und eindringlichsten Romane, die je geschrieben wurden. Piercy verwebt die Schicksale von 6 Frauen und 4 Männern genial zu einem immer dichteren Netz, gebannt verfolgt man die Lebenswege. Ein zeithistorischer Roman, der jeden Geschichtsunterricht ergänzen sollte!« Praxis Geschichte

»Brillant. Piercys Schreiben zeigt ein rasiermesserscharfes Verständnis der Materie und hat die Eindringlichkeit eines Laserstrahls.« Cosmopolitan


Autorin

Marge Piercy, geboren 1936 in Detroit, ist Verfasserin von Romanen, Gedichtbänden sowie Sachbüchern und Memoiren. Sie erhielt vier Ehrendoktorwürden und ­spielte eine wichtige Rolle in der Anti-Vietnamkriegs- und der Frauenbewegung. Ihre Prosa umfasst viele Genres: Gesellschafts- und historischer Roman, Science Fiction, sozialkritischer Roman und diverse Facetten moderner Unterhaltung. Ihr Werk ist in fünfzehn Sprachen übersetzt.

Marge Piercy erlebte als Kind die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und wollte immer über diese Zeit schreiben. Das ­Projekt wurde jedoch erst mit der Einführung des Computers so verwirklichbar, wie sie es erforderlich fand: mit einer Unmenge Recherchen. Den Schicksalen und ­Ereignissen des Romans liegen authen­tische Berichte und Interviews zugrunde: Das in gut elf Jahren zusammengetragene gewaltige historische Datenmaterial umfasste ausgedruckt über achttausend Seiten.

»Marge Piercy ist nicht einfach bloß eine Autorin, sie ist ein kultureller Prüfstein. Nur ganz wenigen Schriftstellern der Neuzeit ist es gelungen, solche Leidenschaft auszustrahlen, ein solches Können zu entwickeln und Geschichten zu erzählen, die dermaßen viel Wirkung und ­Bestand haben.« The Boston Globe

Leseprobe

Jacqueline 1

Auf der Suche nach dem Inbild der Jugend


14 mai 1939

Marie Charlotte ist meine absolut beste und liebste Freundin und der einzige Mensch auf der Welt, dem ich meine geheimsten Gedanken und Wünsche anzuvertrauen wage. Suzanne hat bewiesen, wie falsch sie ist, und ich werde nie, nie wieder so dumm sein, ihr zu trauen. Ich schäme mich, daß ich blöde genug war, ihr von dem kleinen Gespräch mit Philippe im Musée Carnavalet zu erzählen. Wer hätte auch gedacht, daß sie gleich zu ihm hingeht und mit der für sie typischen lauten, ordinären Stimme, damit es nur ja jeder hört, verkündet: ich höre, Jacqueline ist jetzt deine Freundin, dein Liebchen.
Ich bin die unglücklichste Siebzehnjährige in meiner ganzen deuxième classe am lycée Victor Hugo. Marie Charlotte hat nur eine jüngere Schwester, die ihr das Leben schwer macht, aber ich habe zwei: doppelt gemoppelte Plage. Ich kann von Glück sagen, daß Maman nicht geschmacklos ist und den Zwillingen nie diese abscheulichen, gleich aussehenden Kleider anziehen würde. Maman achtet sogar sehr darauf, ihnen immer verschiedene Sachen zu geben, aber die kleinen Biester finden es komisch, die Leute zu verwirren. Heute ist Renée in Nadines Rock und Pullover gegangen, und Nadine trug Renées, und die kleinen Biester fanden es lustig, den ganzen Tag lang so zu tun, als seien sie die andere. Sie verständigen sich mit Grunzlauten wie Wilde oder Hunde, und manchmal, könnte ich schwören, durch Gedankenübertragung.
Maman weigert sich einfach zu verstehen, daß es eine Demütigung ist, diese Bälger in den Park schleppen zu müssen oder ins Kino. Sie haben ständig nur Unfug im Sinn und toben herum wie die schlimmsten Gassenbengel und schlagen sich die Knie auf und lachen sehr laut. Damit nicht genug, nennen sie sich gegenseitig Rivka und Naomi, solche peinlichen Ghettonamen, daß ich sie ohrfeigen könnte. Am Samstag hat Maman mich gezwungen, sie mitzunehmen, als ich mit Suzanne (diesem Luder) und meiner lieben Marie Charlotte ins L’Étoile gegangen bin. In der Szene, wo Gabrielle ihrem Geliebten François in die Arme sinkt, haben diese Monster geschmatzt und gekichert. Ich war gedemütigt. Ich werde nicht mehr ins Kino gehen, wenn das bedeutet, die Zwillinge mitzunehmen, und das werde ich Maman klarmachen! Manchmal, wenn Marie Charlotte und ich auf unserer Spezialbank im kleinen Park Georges Cain beim lycée sitzen, pirschen sich die kleinen Biester an, um uns zu belauschen.
Ich glaube an das Allgemeine, nicht an das zufällige Besondere. In diesem Haus in der Rue du Roi de Sicile (deren Namen niederzuschreiben mir zugegebenermaßen immer noch einen vernunftwidrigen Genuß bereitet, wegen seines mit der Wirklichkeit so unvereinbaren romantischen Klanges) im Vierten Arrondissement unweit der Metrostation St. Paul geboren zu sein, ist lediglich eine Sache des Zufalls und hat keine bleibende Bedeutung. Ebenso ist es nicht wahrhaft von Belang, daß ich Jacqueline Lévy-Monot genannt werde und nicht zum Beispiel Marie Charlotte Lepellier. Ich möchte das finden, was im menschlichen Leben wahr, bleibend und allgemeingültig ist, statt in meiner kleinen Ecke zu sitzen und mir immer wieder ein paar sogenannte Volksweisheiten, so dumm wie jeder andere Aberglaube, vorzusagen, wie es Maman tut: »Nor a schtejn sol sajn alejn«, nur ein Stein sollte alleinbleiben, als wären wir hier nicht zusammengepfercht. Die Etiketten, mit denen wir einander versehen, hindern uns daran, zur Wahrheit vorzudringen, und wir müssen uns die Etiketten nicht nur von den eigenen Gesichtern reißen, sondern sie auch aus unserer Sicht auf andere verbannen. Engstirnigkeit ist der größte Feind des Fortschritts, so glaube ich, und ich habe einen Aufsatz dieses Inhalts geschrieben, der den zweiten Preis gewann, einen Petit Larousse, den ich jeden Tag benutze.
Ich ringe mit der romantischen Schwäche in mir, die zum Beispiel den Namen unserer engen Straße mag, die letzten Endes nur eine heruntergekommene Durchfahrtsstraße von beträchtlichem Alter, aber geringem architektonischem Wert ist, gesäumt von Läden und Geschäften wie dem Kürschner, bei dem Maman arbeitet, und darüber häufen sich kleine, überfüllte Wohnungen wie die unsere. In unserem Erdgeschoß ist eine koschere Fleischerei. Die Straße des Königs von Sizilien, wo höchst königlich die alten, roh gemauerten Eingangsflure, dunkel wie kleine Bergwerksschächte, nach Urin stinken, wo höchst königlich Tag und Nacht Maschinen dröhnen und Nähmaschinen rattern. Der König von Sizilien muß auf abgelaufenen Hacken gegangen sein und seine Mäntel geflickt haben, wie Maman es mit unseren tut.
Wie soll ich sie je überleben, diese Wüste aus Zeit, die sich endlos und trostlos vor mir erstreckt, bis ich endlich als Erwachsene für mich sein werde und mich nicht mehr von morgens bis abends meiner Familie erklären muß? Eine Familie ist ein zufällig entstandenes Gebilde, eine Gruppe von Menschen, die der Zufall zusammengeführt und gezwungen hat, auf ungenügendem Raum zusammenzuleben, Wenn ich nicht meine winzige Stube im obersten Stock hätte, eine Treppe höher als unsere Wohnung, ich würde ersticken!

15 septembre 1939

Seit zwei Wochen sind wir im Krieg, aber das Leben scheint ziemlich unverändert. Überall werden königsblaue Verdunkelungsvorhänge angebracht, falls Luftangriffe kommen. Maman macht sich Sorgen, daß Papa einberufen wird. Ich habe mit der première classe begonnen. Ich habe zwei Nachhilfeschülerinnen, denen ich nach der Schule Stunden gebe, Immigrantinnen mit mangelhaften Französischkenntnissen, eine süße Zehnjährige und eine dicke Elfjährige, die mit offenen Augen schlafen kann. Noch niemand hat dieses Gehirn aufgeweckt, das in ihrem Schädel ruht wie eine sonnenbadende Schildkröte. Ich beabsichtige, die Schale aufzubrechen! Die Zehnjährige ist meine Kusine, erzählt mir Maman, als kündigte sie eine köstliche Süßspeise an, wohingegen ich mir die größte Mühe gebe, allein aufgrund der von einer Schicksalslaune willkürlich zusammengewürfelten Gene keinerlei Vetternwirtschaft aufkommen zu lassen. Aus Kozienice, sagt Maman mit lächerlicher Aufgeregtheit: irgendein staubiges Nest in Polen, wo Maman zufällig geboren wurde, ein Fehler, den sie intelligent genug war, richtigzustellen, indem sie mit sechzehn nach Frankreich ging. Tante Batya sieht älter aus als Maman, obwohl sie die nächstjüngere Schwester ist, und zieht sich unmöglich an, wie eine Bäuerin.
Manchmal fühle ich mich zur Lehrerin berufen, weil ich die Begabung dafür habe, und ich halte das für ebensolch eine Begabung wie die zur Schauspielerei, die ich gleichfalls zu besitzen glaube. Maman sagt mir, daß alle jungen Mädchen Schauspielerinnen werden wollen, weil sie sich vorstellen, das brächte Glanz und Ruhm. Ich weiß, daß es harte Arbeit ist, eine andere Persönlichkeit anzunehmen. Maman hält mich für naiver, als ich bin. Beide Begabungen erfordern, andere zu verstehen, und beide erfordern eine besondere Art der Demut. Maman meint, es ist Egoismus, der mir den Wunsch gibt, Schauspielerin zu werden, aber ich sehe es als eine Art Selbstverleugnung, worin meine eigene Persönlichkeit sich dem Charakter einer anderen unterordnet, einer Berenice, eine Phädra, einer Julia.
Literatur zu unterrichten heißt gewissermaßen, sie darzustellen. Beide Gaben beeinflussen und ergänzen einander, aber ich fürchte, beide Begabungen zu haben ist so schlimm, wie keine zu haben. Maman hat etwas Grausames zu mir gesagt, als ich ihr von meinen Zweifeln sprach, meiner Berufung nachzugehen. Sie sagte, ich nähme es viel zu ernst, hübsch zu sein. Seitdem habe ich mich einer Selbstdisziplin unterworfen, die wenigstens mir beweisen soll, wie sehr sie sich in ihrer Einschätzung meiner Ernsthaftigkeit irrt. Ich habe mir die ganze Woche lang verboten, in den Spiegel zu schauen. Wenn ich mir die Haare kämme, tue ich es nur mit dem Tastsinn. Niemand in der Familie hat meine neue Disziplin bemerkt, aber das ist mir recht, denn wenn ich sie erklärte, würde ich bestimmt für meine Anstrengungen verspottet werden.
Ich verstehe nie, was die Leute meinen, wenn sie mich hübsch nennen, denn wenn ich in meine Augen schaue, sehe ich Verzweiflung, Entzücken, Freude, Trauer, eine gründlich forschende Neugier, Mitgefühl, einen distanzierten, fragenden Geist; Chaos und Kampf. Marie Charlotte ist hübsch. Sie hat ein gelassenes, reines Gemüt, in dem gewisse Ideen zu ruhen kommen, und sie ist mit ihnen zufrieden, so wie ich mit den Möbeln in meiner Mansardenkammer zufrieden bin. Aber ich glaube, mein Gesicht ist so wandelbar wie meine Seele. Vielleicht kann ich nur als Schauspielerin diese Tiefen und Höhen enthüllen, diese Stürme, die unsichtbar toben und mich zutiefst durchrütteln. Wenn andere mich hübsch nennen, meinen sie mir zu schmeicheln, aber ich fühle mich geschmälert, unsichtbar hinter der Maske, die sie erschaffen, nicht ich.

21 février 1940

Papa hat seinen Gestellungsbefehl, und wir sind alle erschüttert. Er ist sehr fröhlich und sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen, es sei nicht anders, als ginge er in ein Ferienlager. Es ist wahr, der Kriegszustand ist bisher friedlich gewesen, und ich denke, die sensationslüsterne Berichterstattung der ersten Wochen ist verklungen angesichts der Wirklichkeit des modernen Krieges, der hauptsächlich eine Angelegenheit des Disputierens und des Sitzens zu sein scheint. Das entsetzlich eisige Wetter geht weiter, der härteste Winter, an den ich mich erinnern kann, als beklagte die Natur unsere Torheit in diesem langen, lächerlichen drôle de guerre.
Ich habe mich Papa in letzter Zeit entfremdet gefühlt, aber jetzt wünsche ich mir, wir könnten uns einander besser mitteilen. Unsere Meinungsverschiedenheiten beruhen in Wahrheit darauf, daß Papa es vorzieht, sich kulturell einzugrenzen, während ich versuche, meinen Horizont zu erweitern. Ich glaube, wir haben einander den Streit über das Picknick vom Farband letzten Sommer nie verziehen. Ich weiß, daß ich recht hatte, aber vielleicht habe ich den Sachverhalt zu unverblümt dargestellt. Schließlich habe ich nichts mit einem Haufen bäurischer Jünger des einfachen Lebens zu tun, nur weil sie jüdisch sind. Jüdisch zu sein ist auch eine Sache des Zufalls. Ich bin jüdisch geboren worden, aber was bedeutet das? Als Religion finde ich es absurd. Als Speisegesetz archaisch! Mir wird gesagt, diese polnischen Flüchtlinge, die Balabans aus Kozienice, sind meine Tante, mein Onkel, meine Kusinen, aber ich kann mich mit ihnen nicht einmal über die simpelsten Dinge unterhalten, über Tische und Stühle, geschweige denn über meine Gedanken, meine Gefühle oder meine Ambitionen.
Ich verstehe Papas Engagement in der Poale-Zion nicht. Die Vorstellung, daß wir uns alle aufmachen und in den Orient gehen, um Dattelbauern zu werden, ist ein Hirngespinst, das ich keine fünf Minuten ernstnehmen kann. Papa ist immer Sozialist gewesen, aber seit zwei Jahren hat er sich für den törichten Zionismus engagiert. Ich könnte mir denken, daß er von der Armee ohne dieses Gepäck heimkommen wird. Er braucht mehr Kontakt mit intelligenten Franzosen, die sich mit modernen Ideen auseinandersetzen. Seine Intelligenz ist größer, als für seine Fabrikarbeit benötigt wird, und deshalb tendiert sein Denken zu Disziplinlosigkeit.
Papa hat große Kraft, was manchmal wundervoll ist und manchmal peinlich. Ich weiß immer noch nicht, ob ich ihn für das, was letzten Herbst geschah, bewundern soll oder nicht. Wir warteten in einer Menschenmenge darauf, daß die mairie ihre Pforten öffnete, und als es zwanzig Minuten lang nicht geschah, warteten alle weiter und murrten. Und Papa ist einfach zur Spitze der Schlange vorgegangen und hat die Tür aufgestoßen. Sie war die ganze Zeit unverschlossen!
Trotzdem traf mich sein Gerede, mich mit Jungens »meiner eigenen Art« zu treffen, als ordinär und geschmacklos und obendrein wenig einfühlsam für die Person, die ich wirklich bin. Ich verstehe nicht, was mir ein künftiger Traktorfahrer zu sagen haben könnte oder was ich Papas Ansicht nach mit ihm gemein haben soll. Das ist eine von diesen monomanischen Zwangsvorstellungen. Wenn Papa und sein copain Georges zusammensitzen, können sie manchmal nur darüber reden, wer alles Jude ist und wer nicht. Das erinnert mich an dieses Luder Suzanne, nachdem sie mit ihrem ebenso ordinären Freund geschlafen hatte. Da ging sie die Straße hinunter und rätselte, welche noch Jungfrau war und welche nicht.
Maman hat furchtbare Angst und wird viel Beruhigung und Trost brauchen, das sehe ich schon. Die Zwillinge heulen und klammern. Ich komme mir wie die einzige mit einem kühlen Kopf vor!

16 juin 1940

Tatsächlich, die Deutschen sind hier, und es ist kein Massaker oder Blutbad, obwohl sie uns gezwungen haben, die Uhren eine Stunde vorzustellen, damit wir deutsche Zeit haben. Es ist ruhig und geordnet gewesen, kaum ein Schuß ist gefallen, und alle sind ein wenig betäubt. Ich sah einige gutgekleidete Menschen den vorbeimarschierenden deutschen Truppen zujubeln. Die schienen im großen und ganzen sauber und manierlich. Ich denke, unsere Angst ist von den Zeitungen aufgeblasen worden, die nichts anderes zu tun haben, als Sensationshascherei in die Welt zu setzen. Ich bin überzeugt, Maman schämt sich, die Zwillinge mit Mamans Chef M. Cariot in den Süden nach Orléans geschickt zu haben.
Ich habe mich der Suche nach dem Allgemeinen, dem Inbild des Allgemeingültigen verschrieben, denn nur so können wir uns rigoros aus dem Morast des zufälligen Besonderen erheben. Ich finde Patriotismus nicht nur eine Zufluchtsstätte für Schufte, sondern auch für Idioten und solche, die ihr ganzes Denken jeden Morgen vorgefertigt aus den geistlosen Zeitungen kaufen. Alle paar Jahrzehnte schaffen Regierungen Kriege und versetzen die Menschen in Raserei, nur damit wir nicht die Unzulänglichkeiten unserer eigenen Seite erkennen, die Voraussetzungen unserer Gesellschaft in Frage stellen und vernünftige Institutionen und Gesetze fordern. Ich bin überzeugt, daß die Deutschen – abgesehen davon, daß sie eine andere Sprache sprechen – sich von uns hauptsächlich insoweit verschieden erweisen werden, wie wir uns als Individuen voneinander unterscheiden. Wir sind zwei benachbarte Länder, die anscheinend nichts besseres zu tun haben, als alle paar Jahre übereinander herzufallen, eine große Anzahl junger Männer hinzumetzeln und dabei die Landschaft zu verwüsten. Ich nehme an, wenn wir den Mut hätten, die Wirklichkeit in Augenschein zu nehmen statt alte Klischees zu wiederholen, dann würden wir feststellen, daß die Deutschen ein Volk sind wie wir, gut, schlecht und gleichgültig im selben Maße, wie wir es sind.
Wenn wir nur wüßten, wo Papa ist, wären wir wahrscheinlich ganz ruhig. Ich überquerte heute nachmittag die Rue de Rivoli und habe dabei im Gedränge einen deutschen Soldaten gerempelt, einen Leutnant, glaube ich. Er hob die Hand an seine Mütze, lächelte und ging aus dem Weg – überhaupt nicht die Ungeheuer, die Säuglingen die Schädel zertrümmern, wie uns weisgemacht worden ist. So viel zur Unmenschlichkeit der Feinde. Ich habe von keinerlei Vergewaltigungen oder Plünderungen gehört. Die gendarmes sind wieder auf den Straßen und die Geschäfte wieder geöffnet.


29 juillet 1940

Papa ist wieder da! Erst die Zwillinge, und dann er. Er ist aus einem Kriegsgefangenenlager entflohen. Er sagte, daß sie anfingen, die Juden von den anderen abzusondern, obwohl ich glaube, das ist nur ihr Sauberkeits- und Ordnungsfimmel. Sie haben gern alle in Schubfächer eingeordnet. Er arbeitete beim Müllkommando, als er aus dem Lager entflohen ist, und hat seine Uniform weggeworfen. Ich hoffe, er bekommt wegen seines übereilten Handelns keine Schwierigkeiten. Er wollte unbedingt nach Hause, aber es wird gesagt, daß die Deutschen sowieso bald alle Kriegsgefangenen entlassen.
Es ist, als habe ein Erdbeben sein Epizentrum direkt unter unserer kleinen Wohnung, seit er zurück ist. Er rennt herum und trifft sich mit all seinen copains von den alten radikalen Zeitungen und von der Poale-Zion. Sie haben sogar eine Delegation geschickt, um mit den jüdischen Kommunisten zu reden, von denen berichtet wird, daß sie dem Hitler-Stalin-Pakt nicht zustimmen wie der Rest der Partei. Früher weigerte sich Papa, mit Kommunisten überhaupt zu reden, aber jetzt hastet er in ganz Paris herum und bespricht sich mit jedem Brausekopf. Er hat eine Art jüdische Widerstandsbroschüre weiterverteilt, die sich Que Faire nennt und von Hand abgeschrieben wird, voller Horrorgeschichten und Parolen wie partout présent: seid überall, und faire face: erhebt euch gegen sie. Ich bin erleichtert, daß Papa in Sicherheit ist, aber wie lange er es bleibt, wenn er sich weiter so verhält, ist eine andere Frage. Doch ich muß sagen, bis uns die Zwillinge zurückgebracht wurden, dünner und verdreckter und voller Geschichten von brennenden Fahrzeugen und alleingelassenen Babys und im Tiefflug angreifenden Flugzeugen, war es hier außerordentlich friedlich, nur Maman und ich. Sie war krank vor Sorge, aber ich habe sie getröstet, und ich glaube, sie achtet mich jetzt mehr.

14 septembre 1940

Ich persönlich glaube daran, zu innerer Gelassenheit zu gelangen. Ich gebe zu, es ist beunruhigend, durch die Straßen zu gehen und Plakate angeschlagen zu sehen, welche die Juden en bloc anprangern, und all die pöbelhaften neuen Zeitungen zu sehen, die nichts tun, als allen Juden den Tod zu wünschen, Au Pilori zum Beispiel. Aber ich übe mich in Selbstdisziplin, während ich umhergehe, und sage mir, ich weiß, ich bin nicht schmutzig, ich bin nicht gemein, ich bin so französisch wie alle anderen und ebenso von französischer Kultur durchdrungen wie jeder meiner Lehrer, also bin nicht ich es, gegen die sich diese Gemeinheit richtet, und ich werde sie einfach nicht an mich heranlassen. Wütend werden bedeutet, denen Macht zu geben, die angreifen. Einen derartigen Angriff nicht beachten bedeutet, die Angreifer zu entmachten, nicht sich selbst. Wir geben diesen Schreihälsen ihre Macht, indem wir uns beleidigen lassen.
Papa und Maman sind sehr bestürzt, weil die Staatsbürgerschaft der Balabans widerrufen worden ist. Sie sind erst seit 1935 in Frankreich, und ihnen ist ihre französische Staatsbürgerschaft aberkannt worden. Sie tun mir leid, aber ich kann es nicht allzu befremdlich finden. Sie scheinen sich keinerlei Mühe gegeben zu haben, sich in die französische Gesellschaft einzufinden. Sie sprechen unter ihren Freunden nur Jiddisch oder Polnisch und sind offensichtlich Ausländer, sogar auf der Straße. Wenn man in einem anderen Lande lebt und sich so auffällig verhält, ist das für mein Gefühl nahezu arrogant. Trotzdem tun mir die Balabans unendlich leid.

2 octobre 1940

Jetzt ist Anordnung ergangen, wir müssen alle zum zuständigen Polizeirevier gehen und uns registrieren lassen wie Prostituierte oder Verbrecher und bekommen ein großes, häßliches JUIF auf unsere Ausweise gestempelt. Ich habe am Frühstückstisch angekündigt, daß ich es einfach nicht tun werde. Ich dachte, Papa und Maman würden entsetzt sein, doch nein, Papa sagte, er wolle sich Gedanken darüber machen, was passieren könnte, wenn wir nicht gehorchen. Er findet es keine schlechte Idee, die Registrierung zu verweigern, wenn uns nur etwas einfällt, wie wir es vermeiden können. Ich weiß, es hat keinerlei Bedeutung, aber derart ausgesondert und gekennzeichnet zu werden finde ich einfach demütigend.
Marie Charlotte war in letzter Zeit äußerst merkwürdig zu mir. Die letzten beiden Male, die wir verabredet waren, ist sie einfach nicht gekommen. Sie hat mich schlicht sitzenlassen. Schließlich habe ich mich gestern mit ihr ausgesprochen. Sie sagte, sie habe mich immer noch sehr lieb, habe aber gehört, daß andere sie für eine Jüdin halten, weil sie immer mit mir zusammen ist, und daß sie Angst habe. Sie wolle kein solches Kennzeichen tragen, zumal sie als gute französische Katholikin geboren sei und ihre Mutter meine, es sei ihre eigene Schuld, weil sie sich mehr mit mir abgebe als mit ihrer eigenen Art.

9 octobre 1940

Wir sind alle vorschriftsmäßig registriert, eine der demütigendsten Erfahrungen in meinem Leben. Seit Marie Charlotte abtrünnig geworden ist, habe ich mich mit einigen jüngeren Leuten angefreundet, die ich vor einem Jahr noch für Rowdys gehalten hätte. Sie sind gewiß keine achtbaren bürgerlichen Elemente, aber sie sind nicht unintelligent, und sie scheinen keinerlei Vorurteile zu haben, anders, als sich viele Leute, von denen man dachte, sie stünden über solchen Dingen, in den letzten Monaten entpuppt haben. Sie hören viel Jazz, besonders amerikanischen Jazz, und kleiden sich wie Bohémiens.
An ihnen fasziniert mich, daß sie keine strenge Alterstrennung kennen. Einige von dieser neuen Clique sind auf der Universität, einige wie ich im letzten Jahr vom lycée, und einige nicht mehr in der Schule, aber auch noch nicht im Beruf. Die Besonderheiten ihres Stils ziehen mich nicht an, dafür aber ihre Toleranz. Sie scheinen nicht von Angst besessen, die deutschen Erlasse zu befolgen, und es kümmert sie nicht, was ich bin, nur, wer ich bin. Dafür achte ich sie. Sie finden mich zu ernsthaft, aber sie werden mir den Kopf zurechtsetzen. Das bezweifle ich, aber es tut mir gut, in das Café Le Jazz Hot zu spazieren, wo sie meistens sind, und mich zu Freunden zu setzen und willkommen zu fühlen. In diesen Tagen ist es selten geworden, sich willkommen zu fühlen, und hinter ihrer Lässigkeit verbergen sie eine Höflichkeit, die ich schätze.
Jeden Tag wächst in mir die Ungewißheit, was aus uns werden soll, aus uns allen, und ob ich je eine Chance erhalte, irgend etwas zu werden, oder gar die Wahl, ob Lehrerin oder Schauspielerin, denn Türen scheinen schneller zuzuschlagen, als ich auf sie zugehen kann. Ich fühle mich, wie sich eine Kreatur der Tropen gefühlt haben muß, als die Eiszeit kam und die Gletscher niederwalzten, was einmal üppige und blühende Bananenwälder waren. Ich fühle mich, als gehörte ich eigentlich nicht mehr zu meiner Familie, aber ohne eigenen Platz oder eigene Rolle, ohne eigenen Ort, an dem ich wahrhaft zu Hause bin. So ist es kein Wunder, wenn ich jetzt mehr und mehr Zeit mit meinen neuen unbürgerlichen Freunden im Café Le Jazz Hot zubringe.


Murray 1

Es gilt, einen Fluß zu überwinden


Murray wurde nach Samoa geschickt, um das 7. Marineinfanterieregiment zu verstärken, das angeblich nach Neuseeland verlegt werden sollte. Aber am vierzehnten September legten sie mit fünf Truppentransportern in Espíritu Santo ab, begleitet von zwei Versorgungsschiffen und einem Kreuzer und Zerstörergeleit. Bald danach wurden sie von U-Booten und Bombern angegriffen.
Vier Tage später gelangten sie in der Morgendämmerung zu einer langgestreckten Insel, die sich zu einem zerklüfteten Berggrat erhob. Die Ufer – übersät mit verbogenem Blech von Schiffen und Flugzeugen– boten weite, traumhafte Buchten mit Kokospalmen, aber die Brise vom Land wehte säuerlich, faulig. Sie roch wie der Eisschrank, wenn er mit seinen Eltern aus den Ferien zurückkam und sie etwas drin vergessen hatten. Sie landeten ohne Zwischenfälle und marschierten ins Innere. Die Männer, die sie begrüßten oder häufiger überhaupt keine Notiz von ihnen nahmen, waren allerdings etwas anderes. Murray wollte sie nicht anstarren, aber er spürte die Reaktion seiner Kameraden, und die war nicht anders als seine: Entsetzen. Werden wir auch so aussehen? Die Marinesoldaten, die den Landekopf auf der Insel gehalten hatten, waren verdreckte Skelette. Sie hatten verfilzte Haare, waren ausgemergelt und stanken: ausgeschlachtete Wracks von jungen Männern. Die Insel hieß Guadalcanal.
Das Gelände um das Flugfeld, eine Mondlandschaft von Granattrichtern, starrte von ausgebrannten Flugzeugen, zerschmetterten Palmen, von Trümmern, die so rasch vermodert waren, daß sie sich nicht mehr identifizieren ließen. Der Boden war von den nächtlichen Bombardierungen zerpflügt. Es gab kein Hinterland hinter der Front, kein Rückzugsgebiet. Ein verwundeter Marinesoldat war im Lazarettbett nicht weniger gefährdet als in seinem Schützenloch. Sie hielten nur ein kleines Areal, mit aller Kraft. Jeden Tag und jede Nacht wurden sie angegriffen. Gewöhnlich fuhren die japanischen Zerstörer durch die Enge zwischen den Inseln und nahmen sie in aller Ruhe unter Beschuß; tagsüber flogen die Bettys, die japanischen Bomber, heran und bewarfen sie mit ihrer Fracht. Nach den Verlusten der ersten Nacht wurden sie verbissen und flink.
So etwas wie eine Nacht Schlaf gab es nicht. Er konnte auf der Insel nirgendwohin, um dem Krieg zu entkommen, war überall ständig in Gefahr und auch nachts in seinem schlammigen Schützenloch nicht sicher. Jede Nacht kam Louie die Laus herüber, um grüne Leuchtraketen und immer mal wieder eine Bombe zu werfen. Jede Nacht kam Maikäfer Charlie, kreiste in seinem zweimotorigen Flugboot über ihnen und warf Bomben mit Aufschlagzündern. Die Bombenabwürfe während der Dunkelheit hatten keinerlei Methode, geschahen vollkommen willkürlich. So hatte er nie mehr als ein paar Stunden Schlaf in der Nacht.
Die Japaner griffen ohnehin gewöhnlich nachts an, und das war auch die übliche Zeit für Aribeschuß. Obendrein lag ein U-Boot namens Oscar vor der Küste und wartete auf die kleinen Higgins-Boote, mit denen sie zu den umliegenden Inselchen Tulagi, Savo und Gavutu übersetzten, wo auch Marineinfanterie lag. Gelegentlich beschickte Oscar das Flugfeld mit ein paar Granaten.
Zum Frühstück am dritten Tag wurde Atebrin ausgegeben, ferner pro Mann drei Kondome, was bittere Heiterkeit hervorrief, denn keiner der Soldaten hatte ein Frau auf der Insel gesehen. Die meisten Männer wollten die gelben Atebrintabletten nicht schlucken, denn es ging das Gerücht, die machten impotent. Nach dem, was Murray von der Malaria sah, die unter den Marinesoldaten grassierte, fand er es klüger, das Atebrin zu riskieren, also schluckte er es, obwohl ihm sein Kamerad Manella sagte, davon schrumpfe sein Schwanz auf Babygröße. Es gab so viele Malariafälle, daß niemand vom Einsatz befreit wurde, es sei denn, sein Fieber stieg über 39,5.
Sie waren ständig klatschnaß. Alles war ständig klatschnaß. Wasser sickerte in die Schützenlöcher und -gräben. Es regnete ohnehin alle fünf Minuten. Der Himmel hier konnte in zwei Stunden dreißig Zentimeter Wasser herunterschütten. Alles, was er anfaßte, war schwammig, moderig, schimmelig. Sie stanken alle. Durch den unablässigen Beschuß kam er nie dazu, sich alle Sachen auszuziehen und sie zu trocknen, so daß er am Ende der ersten Woche die Kränke kriegte, eine Pilzinfektion, die alle erwischte. Seine Hoden, sein Hintern, seine Füße waren wund. Er lernte, alles auszuschütteln, was er hingelegt hatte, denn Skorpione und giftige Tausendfüßler krochen gerne in alles Dunkle, einen Schuh oder eine Tasche oder ein Hosenbein.
Sogar der Erdboden stank. Er lebte ständig in einer Wolke von Moskitos, und bald hatte er Fieber wie alle anderen: keine Malaria, sondern eine der hundert Krankheiten, mit denen die Moskitos ihn vollpumpten, wenn sie ihm das Blut aussaugten. Der Sani gab ihm Pillen, gab aber zu, daß keiner wußte, was für eine Krankheit das war. Murray hatte jeden Nachmittag Schüttelfrost, wenn das Fieber stieg und ihn windelweich zurückließ.
Wenigstens hatten sie genug zu essen. Nicht nur die Ruhr mit ihrem blutigen Durchfall hatte die seit Anfang August hier stationierten Marinesoldaten so ausgemergelt, sondern auch der Hunger. Wären ihnen nicht japanische Vorräte in die Hände gefallen, sie wären verhungert. Sie hatten sich von Reis, getrockneten Fischköpfen und Bier ernährt. Murray sah, die japanische Marine beherrschte die Gewässer um die Insel und schaffte frische Truppen und Vorräte heran, die japanische Luftwaffe griff jeden Tag mit mehr Flugzeugen an. Ihm wurde mit fatalistischem Erschauern klar, wie leicht sie abgeriegelt und ausgehungert werden konnten.
Er wurde einem Angriffskommando zugeteilt, das Ziel lag jenseits eines nahen Flusses. Die Gebr. Lever-Kokosplantagen auf dem Küstensaum machten bald tropischem Urwald Platz. Murrays Bilder vom Dschungel kamen aus Tarzanfilmen oder zeigten Dorothy Lamour in einem Sarong unter malerischen Palmen an einem Sandstrand, auf den sanfte Brecher zurollten. Hier ragten die Bäume, wahre Gebäude aus Eukalyptus, Ipil und Banyan, dreißig Meter hoch und höher, aber er lernte rasch, sich auf keinen zu verlassen, ohne ihn vorher zu prüfen. Baumstämme mit einem Durchmesser wie Lastwagen konnten plötzlich von einem Windstoß umstürzen, obwohl die Ungeheuer sich mit Vororten aus Knien und Wurzeln umgeben hatten, die ihm tückische Stolperfallen stellten. Alles war vermodert, und selbst der Boden fühlte sich schwammig an, wo nicht Korallenkalk schartig zu Tage trat und wo nicht der Dschungel Lichtungen wie Miniaturprärien Platz machte, die in der Ferne golden schimmerten. Dort wuchs Kunaigras mit Klingen so scharf wie Entermesser bis über die Köpfe der Kundschafter.
Die Bäume waren von Ranken überwuchert, von Kletterpflanzen und Lianen, die sich zu verrückten Netzen verknüpften und zwischen den Buckeln aus heftig wetteifernder Vegetation spannten. Alles war naß, denn das war der echte Regenwald. Es gab die Regenzeit, und den Rest des Jahres über regnete es. Sie hackten sich ihren Weg durch ein Labyrinth aus Kletterpflanzen, Unterholz und übermannsgroßen Farnen. Sie sahen nicht, was hinter dem undurchdringlichen grünen Schleier war, auf den sie einhieben. Alles, was sie anfaßten, biß oder stach. Es gab Wespen, so groß wie sein Handteller. Blutegel ließen sich von den Bäumen auf sie fallen und sogen ihnen das dünne, fiebernde Blut aus. Spinnen krochen ihnen in den Feldhosen hoch und hinterließen Bißstellen, die zu Golfbällen anschwollen. Überall wimmelte es von weißen Ameisen, deren Säurebiß brannte wie glühende Kohlen. Die einzigen Säugetiere, die sie sahen, waren Ratten, die auch ihr Lager heimsuchten und in dem Ruf standen, Leichen zu fressen. Hier draußen war das Leben üppig, aber fremdartig und gefräßig. Er verstand Asketen, er verstand den Wunsch, den kranken, grindigen, widerwärtigen, ruhrgeplagten Körper zu verlassen.
Schon veränderte ihn der Krieg, obwohl er hoffte, daß die Veränderungen nur vorübergehend waren, denn er mochte sie nicht. Er hatte für Fatalisten immer nur Verachtung übrig gehabt, aber hier auf Canal hatte er sich nahezu sofort in einen verwandelt. Wenn deine Nummer gezogen wurde, wenn die Kugel deinen Namen trug, wenn dein Glück zu Ende ging; alle in der Truppe waren Fatalisten. Jeder hatte seinen besonderen Aberglauben und ein paar Kameraden. Alles andere gehörte zu jenem fernen Ort. Zur Heimat. Weit weg.
Sie waren noch nicht weit in den Dschungel eingedrungen, obwohl das bißchen sie Stunden gekostet hatte, da trafen sie auf die ersten Feindvorposten. Vom Abwehrfeuer an den Boden genagelt, sah er überhaupt nicht, worauf er schießen sollte. Ihm kam es vor, als wären sie umzingelt, aber er lag auf dem Bauch und tat, was alle anderen taten. Während der Ausbildung hatte Murray oft bezweifelt, ob er wirklich imstande war, einen anderen Menschen zu töten, aber wenn das Nahkampf sein sollte, in grünes Chaos zu feuern, dann war unwahrscheinlich, daß er jemanden traf, und falls doch, würde er es nie merken. In den ersten beiden Gefechten sah Murray keinen einzigen lebenden Japaner, aber dafür viele tote, als sie über die eingenommenen Vorposten vorrückten. Anfangs starrte er die Leichen an und versuchte, den Tod zu begreifen. Die meisten der Toten waren halbe Kinder, willkürlich niedergeworfen und zerfleischt. Ein Junge, der wie sechzehn aussah, blutete aus einer durchtrennten Arterie in der Leiste. Ihr Sani versuchte, ihn zu retten, vergebens, während sie alle dastanden und zusahen. Murrays Herz krampfte sich vor Mitleid zusammen, als das Blut heraussprudelte. Aber nachdem eine der Leichen aufgestanden war und zwei Marinesoldaten mit einer Handgranate erledigt hatte und nachdem eine andere Leiche versucht hatte, ihn mit einer Pistole zu erschießen, verlor Murray das Interesse an der philosophischen Seite des Todes und begann wie alle anderen, die Gefangenen, ob tot oder verwundet, mit dem Bajonett zu erstechen. Ihre Offiziere wiesen sie an, Gefangene zu machen, aber die Japse taten das auch nicht, warum also sie? Sie hatten genug damit zu tun, auf sich selber aufzupassen.
Am dritten Tag erreichten sie endlich den Fluß, den sie durchqueren sollten, den Matanikau, und versuchten, die Furt einzunehmen. Die Japaner hatten sich dort gut verschanzt und waren nicht zu überrennen. In drei Tagen Schwerstarbeit vom Morgengrauen bis zur Dunkelheit hatten sie nach Murrays Einschätzung vielleicht drei Kilometer zurückgelegt. Diesmal sah er, worauf er schoß und was auf ihn schoß. Auf dem Westufer des Flusses hatten sich viele Japaner mit leichter, aber wirkungsvoller Artillerie in gut getarnten Stellungen eingegraben.
Der Kommandant forderte einen Luftangriff an, aber nachdem der vorbei war, schienen noch genauso viele Japaner da zu sein und noch genauso viele Granaten und Kugeln abzufeuern. Murray mußte denken: Wenn unsere Flieger nun aus Versehen eine der Bomben auf uns schmeißen. Das war in den ersten Gefechten vorgekommen. Statt von den Bomben dezimiert schienen die Japaner jedenfalls stärker denn je zu sein, als die Flugzeuge abdrehten. Ja, sie gingen ihrerseits zum Angriff über.
Eine Granate landete so nah, daß er mit heißem Schlamm vollgespritzt wurde und ein verfaultes Holzstück an den Kopf bekam, das eine Fuhre wütender Ameisen auf seinen Rücken entließ. Er wagte nicht, sich zu bewegen und sie abzustreifen. Der Mann zu seiner Linken war in die Brust getroffen und wurde Blut hustend weggetragen. Murray war schlecht. Er hatte sich von der Wucht des Einschlags in die Hosen gemacht, aber sie stanken alle derartig, von Kopf bis Fuß mit Faulschlamm bedeckt, daß keiner das merken würde. Sich vollzumachen wie ein Baby. Er schämte sich. Er fragte sich, ob er unter dieser Belastung zerbrechen würde. Vielleicht taugte er einfach nicht dafür.
Dann kamen die Japaner durch den Fluß auf sie los. Murray fragte sich wieder, ob er wirklich jemanden töten konnte, aber als der Feind mit aufgestecktem Bajonett durch das träge Wasser des Flusses gewatet kam, wie rollige Katzen schrie und Handgranaten warf, da schoß Murray so genau er nur konnte, und der Mann, den er im Visier hatte, fiel, bevor er seine Granate werfen konnte. Danach fühlte er sich schwach in einer Mischung aus Erleichterung und dem Abebben des Adrenalinstoßes, aber schon kam die nächste Welle herüber und ließ ihm keine Zeit, sich zu gratulieren. Wenn er jemanden ins Visier bekam, schoß er. Es war wie für sein Geld auf die vorbeiruckelnden Enten beim Jahrmarkt anlegen, nur daß die Enten hier Löcher in die Männer neben ihm schossen.
Schließlich kam der Befehl zum Rückzug. Er vermochte kein schlechtes Gefühl aufzubringen, weil sie ihr Angriffsziel nicht eingenommen hatten. Er war nur froh, daß sie umkehrten. Als sie dem schmalen Pfad entlang des Flusses folgten, trafen die Japse sie wieder und wieder mit ihren Mörsern. Er hatte seit drei Tagen nicht geschlafen. Sie hatten wenig gegessen, und das wenige schmutzig und übelschmeckend. Sie hatten alle die Ruhr. Sein Fieber war gestiegen und tobte. Er hatte ständig Durst. Obwohl der träge braune Fluß so nah lag, konnte er sich nicht einmal ausmalen, diese faulige Brühe zu trinken. Außerdem hatte er das Krokodil gesehen, das an der Furt einen verwundeten Japs abgeschleppt hatte. »Warum zum Teufel wollen wir dieses Loch einnehmen?« fragte er Manella, der von den Männern in seiner Kompanie am freundlichsten zu ihm war.
»Weil die Hölle überfüllt ist«, sagte Manella. »Deshalb.«
»Die wissen doch überhaupt nicht, was sie tun, uns hier reinzuschicken«, sagte Fats. Sie kannten sich alle nicht weiter, denn die neuen Männer wie Murray waren in ein bereits aufgestelltes Regiment gesteckt worden, um es auf volle Kampfstärke zu bringen. »Den Generälen ist das wurscht. Das ist genau wieder wie Bataan. Wir werden hier krepieren.«
»Sie sagen, das wird nicht wie Bataan. Sie sagen, wenn die Japse das Flugfeld einnehmen, dann gehen wir alle in die Berge und leben wie Guerillas«, sagte Manella.
Murray hatte seine Zweifel, ob sie ausgerüstet waren, sich hier zu ernähren. Er dachte, nur eine Eidechse würde das probieren. Er suchte Abstand von Fats zu halten, weil er nach Kacke stank. Er rauchte, sooft er konnte, denn das betäubte seine Nase. Bei den Marinesoldaten war man ohne Nase besser dran. Wenn sie auf den schwammigen Boden sanken, um auszuruhen, dachte er manchmal an Ruthie, und manchmal dachte er an ein langes heißes Bad. Er hatte den Abend im Auto und den nächsten Tag im Park so oft durchlebt, daß er sich nicht mehr sicher war, was genau geschehen war, wie ein Photo, so oft befingert und gefaltet, daß das Bild zu verschwinden begann.
Manella stupste ihn. »Lutscher auf meinem Drehzapfen.« Ihm saß ein Blutegel im Nacken. Die Männer lagen, ein durchweichter Haufen, unter einem Banyanbaum am Rande eines widerlichen Mangrovensumpfes, der noch schwerer zu passieren war, und lasen sich wie eine Affenhorde Blutegel und Läuse und Spinnen ab. Ihre Nähe war die Nähe geteilter Schmerzen, geteilter Gefahr, geteilter Unbill. Männer, mit denen er zu Hause kein zweites Mal geredet hätte, waren jetzt sein Leben, seine Familie; er hörte sich langsam an wie sie und sah langsam aus wie sie. Sie waren ein schmutziger, zusammengewürfelter Haufe, obwohl es Wochen dauern würde, bis sie so heruntergekommen, so zaundürr und so räudig aussehen würden wie die Marinesoldaten, die in der ersten Welle nach Canal gekommen waren.
Murray holte seine Zigaretten heraus. Die Kondome hatten sich als sehr nützlich erwiesen; sie waren das einzige, was Streichhölzer und Zigaretten trocken hielt, und wenn er das Glück hatte, einen Riegel Schokolade abzukriegen, so bewahrte er ihn darin auf. Jetzt suchte ihm Manella die Blutegel ab. Der Feldwebel sprach barsch zu ihnen, mit seiner üblichen Verachtung, und sie rappelten sich hoch. »In den Sattel, Armleuchter. Ab in die Wildnis.«
Murray kniff sorgsam seine Zigarette aus, damit er sie später aufrauchen konnte. Er stand da, und schwarze Flecken tanzten ihm vor den Augen, er schwankte. Ohne darauf zu warten, daß sein Gesichtsfeld aufklarte oder seine Übelkeit verging, heftete er sich an Manella und stolperte voran. Es war noch weit bis zum Landekopf, wo sie – statt am Flußufer verteilt einer nach dem anderen – in der Gesellschaft von Hunderten sterben konnten. Wenigstens gab es da was Warmes zu essen, wenn auch nur die Wiener Dosenwürstchen und die Dosenbohnen, die sein Körper nicht mehr verdauen konnte.


Weitere Titel von
Marge Piercy finden Sie, wenn Sie im Bereich Recherche das Suchwort "Piercy" oder "Piercy, Marge" eingeben.